Janko Woltersmann

instant

Der Denkende benützt kein Licht zuviel,
kein Stück Brot zuviel,
keinen Gedanken zuviel.

Herr K.

 

Vielleicht ist sie doch unendlich einfacher, als wir gedacht haben. Die Fotografie. Ein Blick, ein Bild, ein Abdruck, ja natürlich. Und dann halt all die anderen Begriffe. Und trotzdem scheinen wir immer noch nicht restlos fertig mit ihr. Was wohl auch an eben jenem Abdruck liegt, der irgendwann einmal in Sekundenschnelle eingebrannt wurde, sich auf Dauer der Kontrolle entziehen konnte und schließlich immer noch unerwartet etwas wachzurufen vermag, was längst vergessen war. Wir wissen, dass er irgendwo geblieben ist. Ein Abdruck irgendwo in uns.

Bücher wurden geschrieben, Theoreme verfasst, Lehrstühle eingerichtet, um dem Wesen der Fotografie auf die Spur zu kommen. Heute, da alles gesagt scheint und sich mit dem Digitalen die Gedanken um sie wieder verflüchtigen, wollen wir endlich wieder vorbehaltlos schauen und studieren und staunen wie beim ersten Mal. Und doch sind wir über die Jahre erwachsen geworden. Gerade jetzt, im ideologiefreien Zeitalter, in dem die Welt die Welt nicht mehr in Bildern, sondern als ein Bild begreifen will, wie W. J. T. Mitchell sagt. Es scheint, als herrsche wieder Grund zu Gelassenheit.

Die Rede von der Fotografie. Seien wir ehrlich. Das heißt auch, über uns selbst und über das Album des eigenen Lebens zu sinnieren. Über die Faszination und den vielzitierten Makel der Oberfläche. Weiter über Lüge und Wahrheit zu streiten. Und darüber nachzusinnen, was längst nicht mehr da ist. Der Fotografie ist ein Moment des unwiederbringlichen Verlustes, der Melancholie und der Trauer von vorneherein einbeschrieben, sagte einmal Holger Liebs. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn wie es um das Moment der inneren Konservierung bestellt ist, ist nicht weniger erstaunlich. Was es etwa bedeutet, all die Millionen gesehener Bilder in uns abgelegt zu wissen, auf die das Bewusstsein nur flüchtigen Zugriff hat. Für das Auge, das müde geworden ist und ab und an doch wieder sehen will. Und auf frische Augenware wartet: instant..

Die Bilder in diesem Buch machen keinen Hehl daraus. Schon der Titel benennt, worauf wir uns einzulassen haben: instant places. Eine eher schmallippige Verheißungsformel für den Versuch, im Kaffeesatz unseres visuellen Gedächtnisses herumzulöffeln. Da hilft es wenig, dass alles schon einmal dagewesen ist. Nimmersatte Kostproben eines Begriffs: ˈinstənt. immediate, instantaneous, on-the-spot, prompt, swift, speedy, rapid, quick, express, lightning; sudden, precipitate, abrupt; informal snappy, pretty damn quick, PDQ, delayed, preprepared, precooked, ready-made, ready-mixed, heat-and-serve, fast, microwaveable. come here this instant! moment, minute, second; juncture, point. it all happened in an instant: moment, minute, trice, (split) second, wink/blink/twinkling of an eye, flash, no time (at all), heartbeat; informal sec, jiffy, jiff, snap....

Wer diesen angelsächsischen Implikationen nachsinnt, wird dem paradoxen Wesen der Fotografie in diesem Buch erstaunlich nahekommen. Nichts fängt bei Null an, postulieren sie in ihrer Gesamtheit, selbst nicht der eingefangene Augenblick, so frisch und unbefangen er uns auch entgegentreten möchte. Die Botschaft ist eindeutig: Augenware als Instantware. Was aber längst keinen Anlass bietet, melancholisch zu werden. Das Bild muss nur nicht mehr gefunden und erfunden werden. Alles ist schon da gewesen, schau nur. Es herrscht wieder Grund zur Gelassenheit.

Janko Woltersmann ist kein melancholischer Mensch. Befragt nach den Beweggründen, die ihn zu den Bildern in diesem Buch veranlassten, antwortet er etwas zögerlich, dass damals ein recht archaischer Impuls den Ausschlag gegeben habe. Wie Garry Winogrand habe er Bilder machen wollen, sagt er, um herauszufinden, wie etwas aussieht, wenn es fotografiert wurde. Da die einzelnen Motive, die er fand, in seinem Bildgedächtnis schon abgelegt worden waren, bedeutete für ihn die Erkundung ein doppelter Spagat. Dabei habe sich vor Ort das Polaroidverfahren nicht nur als ein probates Überprüfungsinstrument erwiesen, betont er. Auch besitze das Sofortbild eine sonderbare Vertrautheit mit dem Fotografen, die wiederum mit einer haptischen Annäherung einhergehe. Denn das jeweilige Bild, das aus der instant camera ausgespien wurde, entwickele sich erst nach einigen Sekunden und Minuten. Janko Woltersmann nutzte nacheigenem Bekunden diese Zwischenzeit, um die Oberfläche des Polaroids an seinem Oberschenkel abzureiben. Das war mehr als ein technischer Eingriff, so sonderbar verblasst und farbintensiv zugleich wirken die Bilder, die entstanden sind. Es scheint, als seien auch sie bereits abgelegt worden. Abgelegt in uns. Ein leerer Stuhl am Strand. Eine Matratze. Ein elektrischer Tannenbaum am Straßenrand. Die Motive der Bilder in diesem Buch scheinen in ihrer Beiläufigkeit in sich zurückgezogen und halbwegs vergessen. Dennoch haben auch sie überdauert. Nicht Spektakuläres ist ihnen eigen, im Gegenteil.

instant places. Die Fotografie hat uns über Jahrzehnte gelehrt, dass Augenblicke entschwinden und Orte verbleiben. Vielleicht ist es in den Bildern dieses Buches so, dass diesmal Augenblicke verbleiben und Orte entschwinden. Doch wie es auch sein mag: Traurig müssen wir nicht mehr sein.

Christoph Schaden, 2010

Text erschienen in:

Janko Woltersmann

Instant Places. Polaroids 1989-2009

Ausst.-Kat. NordLB Hannover

Köln 2010, S. 66-67

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