Helga Weihs. auf Holzwegen

auf Holzwegen

HOLZWEG, m. weg der zu wirtschaftszwecken in ein holz gemacht  ist und nicht der verbindung zweier orte unter einander dient

Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch

 

Entgegen aller Erwartung kann der Nutzen mitunter darin liegen, das anvisierte Ziel nicht zu erreichen. Im Gegenteil. Was sich konkret freizusetzen vermag aus einer simplen Negation, wie sie etwa in der altertümlich idiomatischen Wendung des Holzweges zum Ausdruck kommt, ist oftmals das Resultat einer kreativen Achtsamkeit. Um nämlich vertraute Pfade zu verlassen und sich im unbekannten Terrain neu zu orientieren, bedarf es naturgemäß einer großen Offenheit und Sinnesschärfung. Irritierende Bewegungs- und Erkennungs–momente lassen sich zwar nicht verhindern. Was jedoch im wahrsten Sinne des Wortes Bodenhaftung gewährt, ist der Untergrund selbst, dessen materielle Bestimmtheit zweifelsfrei bleibt. HOLZWEG, heißt es schließlich. In einem Buchtitel verwendete Martin Heidegger denn auch wohl bedacht jenes Wegewort als bezugsreiche Metapher, um zu attestieren, dass ausgerechnet die Kunst eine Wahrheit geschehen lasse. Ausgerechnet die Kunst, sagt der Philosoph, stelle nämlich eine neue Welt von Bezügen auf und halte somit „das Offene der Welt“ offen.1

Man muss nicht an Holzwege oder an Heideggers Diktum denken, um den skulpturalen Arbeiten von Helga Weihs mit Offenheit entgegenzutreten. Sie selbst fordern sie geradezu ein. Dann mag man spekulieren, ob bereits der facettenreiche Werkstoff jene Fährten legt, die die Bereitschaft wecken, Ungeahntem und Unerwartetem zu begegnen. Zumal die in der Oberfläche roh belassenen Hölzer von Ahorn, Birne, Bubinga, Eiche, Esche, Kirsche, Nussbaum und Zebrano, die in ihren Werken in sorgsam horizontalen Schichtungen und Schneidungen hervortreten, das Auge unweigerlich an jene Höhenlinien erinnern, wie sie aus der Kartographie überliefert sind. Zu recht weist Daniel Spanke darauf hin, dass in den fragil gereihten Strukturen der »Isohypsen«2, wie sie von Geographen genannt werden, bereits ein Impuls mitschwingt, sich im Realraum zu verorten. In den Skulpturen von Helga Weihs bilden sie als aufgereihte Schichten, die im Wechsel von Helldunkel die Anschauung binden, den Ausgangspunkt von komplexen Erkundungen, welche im rein physischen Sinne und ganz konkret jetzt nach Orientierung verlangen. Holzwege sind Königswege ihrer Arbeit.

Mit der raumgreifenden Arbeit »HK-I-2001« konfrontiert Helga Weihs auf der Eingangsempore des Kunstvereins Paderborn den Betrachter mit den autonomen Wegeleiten, die ihr künstlerischer Ansatz bereithält. Eine Ovalform, bestehend aus zwei vielfach und übereinander geschichteten Holzringen in Erle und Nussbaum, bildet in der Summe ein sperriges Raumelement, das allein in der Höhe das menschliche Maß beansprucht. Die Einsichtnahme ins Innere bleibt verwehrt, weil die Skulptur zur Rückwand verengt und kantig abzuschließen wagt. Der offenkundigen Simplizität der Form, die mit großer Präzision geschaffen worden ist und dennoch nicht als Abstraktum gelesen werden will, steht deutlich verquert zum Impuls, sich als Betrachter im Innern zu verorten. Der Mensch bleibt außen vor  und bleibt gleichsam angewiesen auf die Kraft des Imaginären.

Vier Wandobjekte, die Helga Weihs aus Eiche und Nuss sowie aus Libanonzeder und Nussbaum entwickelt hat, flankieren den Durchgangsparcour zum eigentlichen Ausstellungsraum. Abermals erwandert das Auge die reliefartigen Zonen, in der sich das Holzsichtige als Wölbung oder Wellung irritierend verselbständigt. Die Logik des Materials steht hierbei in merkwürdiger Spannung zur formalen Erfassung von Fläche und Raum. Das Organische interessiere sie, betont die Künstlerin denn auch, insbesondere das Konkave und Konvexe, das Vor und Zurück, und nicht zuletzt auch die Linie, aus der es alles zu entwickeln gelte. Folglich sucht der Sehsinn, ein weiteres Mal seltsam aus der Balance gebracht, Halt in der Schwerkraft des Materials und den innewohnenden konstruktiven Elementen, die den Wandstücken zugrunde liegen. Dass ohne Plan kein Holzweg zu bewältigen ist, scheint wohl auch bei der Betrachtung zu gelten.

Jeweils aus Zebrano und Zeder geschichtet, dominieren zwölf Wandstücke den hinteren Ausstellungsbereich in Paderborn, die dann auf verschiedene Raumhöhen platziert worden sind. Ihre Zahl und ihr Maß sind einem historischen Zimmer des ehemaligen Ritterguts Haus Martfeld in Schwelm entnommen, das Helga Weihs im Jahr 2002 mit Präzision in einer friesartigen Umgürtung erfasst hat. Die zweite große Bodenarbeit in diesem Raum, »7 Wände« genannt, ist ebenso eine Versetzung einer Skulptur, anlehnend an einen Grundriss der Städtischen Galerie in Tuttlingen. Es sind allesamt Formen einer konsequenten Raumaneignung, die wohl im ganz wörtlichen Sinne als Maßwerk zu bezeichnen sind und als abstrakte Module im Transfer nach Paderborn ein ungeahnt kraftvolles Eigenleben entfalten. In ihrer Gesamtheit beanspruchen sie mit ihrer unverwechselbaren ästhetischen Gestalt eine Autonomie, die ungeachtet der spezifischen Bedingungen vor Ort völlig neue Bezüge eröffnet. Wo ist man angelangt, mag man sich angesichts der Holzwerke von Helga Weihs einmal mehr fragen, und einmal mehr an Heideggers Holzwege denken. Dass das Ziel außer Sichtweite geraten ist, wirkt hierbei geradezu tröstlich.

Christoph Schaden, 2007

 

1 Martin Heidegger: Holzwege, Frankfurt am Main 1957, S. 34.

2 Daniel Spanke: Isohypsen, in: Strenges Holz, hrsg. v. Daniel Spanke, Kunsthalle Wilhelmshaven 2004, S. 39-41.

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