Günter Derleth. Ruta de la Plata

Silberweg


Es heißt, der Name beruhe auf einem Irrtum. Dieser basiere auf der Annahme, dass zunächst die Römer und später die Spanier ihr Silbergeld aus dem Hafen von Sevilla kommend auf diesem Weg zur Nordküste gebracht und über das spanische Festland verteilt hätten. Eine andere Vermutung besagt, dass der Name sich aus dem Arabischen herleiten ließe, „Ruta Bal'latta" heiße es korrekt, "befestigter Weg". Eine Bezeichnung der Mauren wohl, die nach Norden vordrangen und jene breite Römerstraße vorfanden, die weiterhin wie eine Hauptschlagader die iberische Halbinsel durchzog. Später - nach der Reconquista - nannte man den Silberweg denn auch "Camino Mozárabe", als sich im Zuge der Pilgerschaft Abertausende zum berühmten Grab ihres Schutzheiligen Jakobus des Älteren nach Santiago aufgemacht hatten.

Über Jahrhunderte vergessen, wird die rund 800 Kilometer lange Ruta de la Plata als Pilgerroute seit wenigen Jahren wieder zu Fuß erfahrbar. Wer sie durchschreitet, wird nicht nur schonungslos mit der Weite und Kargheit einer Binnenlandschaft konfrontiert, sondern auch mit sich selbst. Letztlich wird er nach Oviedo gelangen, zur legendären asturischen Hauptstadt, in deren Kathedrale eines der Bluttücher Christi verwahrt wird. Ein merkwürdiges namenloses Kultbild, das alles offenbart, indem es fast nichts zu erkennen gibt. Wer den Silberweg gegangen ist und am Ufer des Atlantiks steht, wird das Paradoxon dieses Mysteriums schweigsam akzeptieren.

Auch die Bilder in diesem Band bewahren ein Geheimnis jenseits des Sichtbaren. Ihre Kraft gewinnen sie aus der obskuren Kammer, die seit Jahrhunderten die lichtbesetzten Zeichen der Außenwelt auf eine Bildfläche bannt. Es zählt zu den Mysterien der Fotografie, dass auf der Rückwand der Apparatur eine dünne Schicht aus Silber die eindringenden Lichtstrahlen einzufangen vermag.

Mit meisterlichem Gespür hat Günter Derleth die bildgebenden Eigenschaften des Edelmetalls zu nutzen gewusst, um das Wesen der Ruta de la Plata zu ergründen. Seine Erkundung lenkte ihn rasch zu den archaischen Kräften, eine Triade von Erde, Luft und gleißendem Licht, die den erdgebundenen Charakter der Wegstrecke prägen. Die Bilder des Buches zeigen denn auch steinerne Wehr- und Sakralbauten, Landschaftswüsten und immer wieder vereinzelte Bäume, Pfähle und Stelen, die sich stoisch gegen den Himmel recken. Das Silberkorn legt sie allesamt als Relikte der Vergänglichkeit frei, die mit beharrlichem Trotz ihre Existenz gegenüber der Zeit einfordern. Ein aussichtloses Unterfangen, wie es scheint, an dessen Ende sich der Blick dennoch auf ein endloses Meer ausweitet. In der Anschauung offenbart sich diese Gesetzmäßigkeit der Ruta de la Plata wohl demjenigen, der um das Paradoxon des Sehens weiß.

Christoph Schaden, 2006

 

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