G. Roland Biermann. Conrete

Schmelze

Wenn ich von der Zeit spreche, dann deshalb, weil sie noch nicht ist
Wenn ich von einem Ort spreche, dann deshalb, weil er verschwunden ist
Wenn ich von einem Menschen spreche, dann deshalb, weil er schon tot ist
Wenn ich von der Zeit spreche, dann deshalb, weil sie schon nicht mehr ist

 

Mit diesem eindrucksvoll poetischen Gedankengang eröffnet Jean Baudrillard kurz vor seinem Tode einen Text, dessen Titel aus einer einzigen Frage besteht: „Warum ist nicht alles schon verschwunden?“ Hierin skizziert der einflussreiche französische Denker ein vielschichtiges Szenario der Gegenwart, das sein gedankliches Zentrum in einem „spezifischen Modus des Verschwindens“ findet. Ihm unterworfen seien das Reale, die Sprache, das Wertesystem und schließlich auch der Mensch selbst. Mit Bezug auf Elias Canetti konstatiert Baudrillard einen Vanishing Point, der im entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang längst überschritten ist.

Wer die Bildserien des in London tätigen Fotokünstlers G. Roland Biermann, die 2007 und 2008 entstanden und unter dem Titel snow + concrete zusammengefasst sind, einmal länger betrachtet, kommt nicht umhin, jenen neuralgischen Vanishing Point in Augenschein zu nehmen. In Anlehnung an Baudrillard wäre er wohl schon in den beiden Grundbegriffen auszumachen: snow + concrete. Zwei archetypische Substanzen, Oberflächen und Temperaturen, deren zeichenhafte und materielle Verflechtung sich weder in Polaritäten noch dialektischen Verhältnissen erschöpft.  Wenn ich von „Schnee“ spreche, dann deshalb, weil er bald nicht mehr ist. Wenn ich von „concrete“ spreche,… In ihrem Zusammenspiel entsprechen die Begriffe prägnanterweise einer mathematischen Gleichung, in deren Mitte ein Additionszeichen steht. Es ist im optischen Sinne wiederum als Kreuzsymbol dechiffrierbar. Eine Lösung der Formel wird nicht einmal vorenthalten, sie bleibt nur Resultat eines Verschwindens. Das Gleichheitszeichen fehlt.

Jean Baudrillard schreibt auch in seinem letzten Text über Bilder, über die Photographie. Mit der Durchsetzung des Digitalen, so sein Gedanke, sei das photographische Bild und mit ihm jene wesenkonforme Konvergenz des Lichts geopfert worden. „Metaphorisch gesprochen ist es der ganze Reichtum des Spiels von Anwesenheit und Abwesenheit, Erscheinen und Verschwinden, also der ganze Reichtum des photographischen Akts, der mit dem Aufstieg des Digitalen verschwindet“, heißt es.

In den Polyptychen von snow + concrete verhält sich das Fanal der Photographie allerdings ambivalent. Entschwunden ist alles momenthaft Reale, örtlich Spezifizierbare und körperlich Fassbare. Stattdessen ist den Bilderfolgen ein momento mori eigen, es könnte sogar mit einem einzigen Satz umschrieben werden: Restschnee verflüssigt sich und erfährt in  einer schubweisen Reduktion seine visuelle Auflösung... Alles ist gesagt und verharrt in einer Endzeitlichkeit. Gleichsam wollen diese Bilderfolgen aber auch gedeutet werden. Metaphorische Dimensionen drängen sich etwa auf und verlangen eine Interpretation von Welt in Form einer Allegorie, die in einer individuellen wie kollektiven Vergänglichkeit verortet ist. Aber ist das das Ende?

Ein gelbe Bodenlinie, ein orangefarbener Pfeiler, ein Loch. Ein weißes Dreieck, ein Kreis. Drei Rechtecke, die ein Bild ergeben. Das ist mehr als eine Frage der Anschauung. Denn Weiß wird Schwarz, Schnee wird Wasser, Kälte wird Wärme. Alles Zeichen- und Formelhafte in den Bilderfolgen ist konkret. Ihm ginge es um das Zyklische, betont denn auch G. Roland Biermann: also kein Anfang und kein Ende. Seine Installation im Dommuseum in Frankfurt zollt diesem Gedanken Tribut, indem es den Grundriss der sakral wirkenden Stätte, die keine ist, als Ausgangspunkt nimmt. Den Quadratraum untergliedert er durch zwei freistehende Paravents, ein jeder rund 240 cm hoch und 390 cm breit. Sie bestehen aus je fünf Elementen. Die inneren drei Wandteile der Paravents sind beidseitig bedruckt: dem gleichen Bildmotiv begegnet man davor und dahinter. Die beiden äußeren Wandteile bleiben hingegen unbedruckt. In diesem Sinne gibt in kein Vor- und Rückseite der Bilder mehr, auch keinen vorgegebenen idealen Standpunkt. Der Betrachter muss ihn wohl für sich selbst erkunden. 

“Durch das Im-Raum-Stehen wird auch ein engerer Bezug zwischen den Arbeiten hergestellt, die ja von der Motivik her ohnehin sehr stark verwandt sind. Die Schneepyramide, quasi als nach innen strebender, in sich ruhender Körper, der dreizackige Stern als das nach außen strebende Pendant…“

Man mag in snow + concrete lange darüber sinnieren, ob nach dem Vanishing Point einzig die Form des Zyklischen überdauert. Baudrillard konstatiert zwar lapidar eine „Kunst des Verschwindens“. Doch wer vermag sie dann wahrnehmen, in ihr etwas Neues zu entdecken?

Christoph Schaden, 2010

Text erschienen in:

G. Roland Biermann. Snow + Concrete

Ausst. Kat. Dommuseum Franfurt am Main

Frankfurt am Main 2010, S. 8-11

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