G. Roland Biermann. Apparitions

Schein-Gefechte

Zur jüngsten Werkgruppe von G. Roland Biermann


Wer sich heutzutage künstlerisch mit Erscheinungen auseinandersetzt, gerät unweigerlich unter Generalverdacht. Zu groß ist wohl die Skepsis gegenüber all jenen spirituellen Tendenzen, die sich einer rationalen Beurteilung entziehen. Wer hierfür noch das Instrumentarium des Fotoapparats gebraucht, steht unter noch größerem Legitimationszwang. Denn kein anderes Medium scheint bei oberflächlicher Betrachtung weniger geeignet für die Auseinandersetzung mit übersinnlichen Fragestellungen als die Fotografie. Ein Blick in die Fotogeschichte offenbart allerdings, dass es ausgerechnet die spezifische technische Bedingtheit der Lichtfänger war, die zur Sichtbarmachung dessen, was sich dem Auge entzieht, herausgefordert hat. Hippolyte Bayards ironisches Selbstportrait eines Ertrunkenen von 1840 mag archetypisch Pate stehen für die zahlreichen Versuche, dem Bild hinter der äußerlich sichtbaren Wirklichkeit mit fotografischen Mitteln inszenatorisch auf die Schliche zu kommen. Von den Surrealisten bis zu Francesca Woodman und Duane Michals lässt sich konstatieren: das Epiphane war immer en vogue.

„Erscheinungen“ nennt auch G. Roland Biermann seine jüngste 24-teilige Werkgruppe, deren Buchveröffentlichung für nächstes Jahr geplant ist. Sein anspruchsvolles Projekt, das neben Einzelbildern auch Diptychen, Triptychen und mehrteilige Arbeiten umfasst, beschreitet bereits in der Formatwahl einen Sonderweg. Die 6 x 17 cm Panorama-Kamera wurde konsequent in die Vertikale gekippt, sodass im Verhältnis 1:3 anthropomorph anmutende Bildstelen entstanden sind, die eher an skulpturale Vorbilder der französischen Kathedraleplastik erinnern als an tradierte Bildvorlagen der Moderne. Im statuarischen Hochformat, das zugleich eine hohe Konzentration einfordert, thematisieren Biermanns Bildfindungen jene Grauzone der menschlichen Existenz, die sich rationalen Erklärungen entziehen. Sie erschöpfen sich allerdings nicht im kraftvollen visuellen Effekt des Unfassbaren. Vielmehr setzt der in Düsseldorf und London lebende Fotokünstler virtuos das reichhaltige Vokabular an Ikonik, Technik und Theatralik ein, um die Widersprüche des menschlichen Seins zu analysieren.

Es lohnt sich daher, Biermanns vielschichtige Bildstrategien auf ihre konkreten Inhalte zu befragen. In „Erscheinung 18“ dient etwa ein gestapelter Satz Autoreifen als Hintergrundfolie eines metallenen Radkreuzes, das durch zwei Arme ins Bildzentrum platziert wird. Nur allzu offenbar wird das biblische Zeigemotiv der hl. Veronika mit dem Kreuzsymbol kontrastiert, dem abendländischen Urzeichen der Erlösung und des Leids. Dermaßen christologisch aufgeladen, steht die Zeigung zugleich in merkwürdigem Gegensatz zu den zeitgenössischen Bezügen der verwendeten Requisiten, die grenzenlose Mobilität verheißen. Auch die hart kontrastierende Schwarzweißästhetik referiert überdeutlich auf die 80er Jahre, in denen das Diktum der mobilen Gesellschaft verkündet wurde. Ob nun Tod oder Erlösung, Stagnation oder Mobilität, Fluch oder Segen. Im Zwiespalt der polaren Begrifflichkeiten bleibt jede Analyse stecken, unauflösbare Widersprüchlichkeiten brechen auf, die das moderne Kentaurensyndrom, wie Biermann selbst anmerkt, erst zur Anschauung bringen.

Wie konsequent durchdacht und wohl kalkuliert die fotografischen Arbeiten des 1962 geborenen Fotokünstlers sind, zeigt sich auch in „Erscheinung 4“ von 2001. Vier industriell gefertigte Schläuche streben in organischen Wendungen zur Bildmitte. Auf dem Steinboden wird in Umkehrung ein weiblicher Torso sichtbar, der sich jedoch jeder Materialisierung verweigert. Auch die Verschränkung der Arme gibt Anlass zu Spekulationen. Man ist angesichts der phallisch neigenden Metallschläuche geneigt, sie als Abwehrhaltung zu interpretieren, zugleich spielt sie auf Hoheitszeichen an, wie sie aus der altägyptischen Hochkultur überliefert ist. Trotz der präzisen Anordnung ist auch diese Sichtweise nicht zwingend, so kann man das Bild auch mit der Thematik der embryonalen Menschwerdung in Zusammenhang bringen. So gelingt es G. Roland Biermann, den Betrachter mit den aktuellen Bezügen des Epiphanen zu konfrontieren, ohne diese preiszugeben. Seine Inszenierungen sind Gefechte des Scheins, keine Scheingefechte, und positionieren sich als intelligent wie feinsinnig abgestimmte Analysen.

Christoph Schaden, 2002

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