Fotobuch 1989

Jahr des Stachels

Ein Versuch über Fotografie und Buch im Jahre 1989

Der Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme der Geschichte ebenso wie der aktuellen Situation der Fotografie scheint jetzt günstig, ja angesichts der technologischen Umwälzungen der Bildproduktion geradezu zwingend zu sein.

Bernd Busch, Belichtete Welt (1989)

 

Es muss sich um einen guten Jahrgang gehandelt haben, zumindest um einen bedeutungsvollen. Die Rede ist schließlich vom Neunzehnhundertneunundachtziger. Dabei denke ich rückblickend keineswegs an einen lauen Studiensommer oder an eine moselanische Spätlese  (zugegebenermaßen: der Zusammenhang zwischen Fotografie und Wein unter der edlen Prämisse des Vintage-Gedankens ist mir erst 1998 klar geworden). Nein, dieses Mal ist ein Blick auf die Fotoliteratur im Jahre 1989 erwünscht, also aus jenem nationalen Schicksalsjahr, bei dessen Nennung stets etwas Großes und Befreiendes mitschwingt. Vor dem inneren Auge setzt sich denn auch die amorphe Menschenmasse, die die Berliner Mauer überwunden hat, auch heute noch wie von selbst in Bewegung. Wem ist nicht bewusst, wie tief sich die filmischen Bilder von damals - Guido Knopp und den Memorialsendern der öffentlich rechtlichen TV-Anstalten sei Dank – ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben? Dass ausgerechnet die Fotografie zu diesem Jahrhundertereignis, an dem die deutsche Nation friedlich zusammenfand, nicht in der Lage war, einen Beitrag in Form einer überdauernden Inkunabel abzuliefern, ist hingegen so gut wie vergessen. Sogar ein eigens angereister Richard Avedon sollte damals versagen. Damals, im Jahre Neunzehnhundertneunund–achtzig. Und die Gegenfrage stellt sich wie von selbst: Was ist eigentlich von der Fotografie von damals geblieben?

1989 also. Weil Erinnerungen trügerisch sind, Bücher hingegen bleiben, wie ein Sprichwort behauptet, scheint ein Blick auf das eigene Buchregal angemessen. Womit fängt man an? Vielleicht mit History of Photography, jenem zeitlosen Klassiker von Baumont Newhall aus dem Jahre 1937 (!), den Lothar Schirmer damals passgenau in einem bezahlbaren Paperback wieder aufgelegt hatte. Mit „dem Newhall“ konnten unwissende Erstsemestler den Einstieg problemlos wagen, zumal das technische Bildverfahren in den Seminaren der kunsthistorischen Fakultät nur ein Schattendasein fristete. Denn schon eine erste Erkundung der Institutsbibliothek machte unmissverständlich klar, dass die Fotografie im Reigen der Bildkünste lediglich als Marginalie behandelt wurde. Mit der aktualisierten Broschur von Newhall bot sich nun die treffliche Gelegenheit, einen ersten Überblick zu gewinnen, eine facettenreiche Nische des Bildes zu erkunden und von Talbot bis Meyerwitz Fotografennamen einzustudieren. Kürzlich hat übrigens der US-amerikanische Fotograf Ken Schles in einer wunderbaren Hommage nochmals vor Augen geführt, wie sehr unsere Generation auch durch die Bilderfolge dieser Geschichte der Fotografie geprägt worden ist. Mit einem Mal war also ein Kanon gesetzt und mit einem Mal konnte auch der Einsteiger erahnen, dass es bei der Fotografie um mehr ging. Um viel mehr, denn man glaubte sich einem Phänomen auf der Spur.

Belichtete Welt

Umso willkommener war da ein runder Geburtstag. Im Jahre 1989 feierte die Fotografie nämlich den 150sten Jahrestag der Freigabe des daguerreschen Patents. Freilich mutete schon dem Erstsemestler das Jubiläum etwas absurd an: Hatten denn jemals etwa die Ölmalerei oder der Holzschnitt eine solche Festivität für nötig empfunden? Doch im Zuge der 150-Jahresfeier war auf dem nationalen Buchmarkt plötzlich ein Zugriff auf zeitgemäße Überblickswerke und Einzelanalysen möglich. Punktgenau formulierte etwa der Kunsthistoriker Bernd Busch in Belichtete Welt eine Wahrnehmungsgeschichte der Fotografie, die DGPh wartete mit einer gleich fünfbändigen Übersichtsdarstellung auf und Jörg Boström widmete sich als Herausgeber in dem GDL-Paperback Dokument und Erfindung der Entwicklung der Fotografie in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis heute (selbstredend waren die Entwicklungen in der DDR ausgeblendet). In den Metropolen des Westens wurde eine beachtliche Zahl von Ausstellungsprojekten realisiert und im Zuge fettleibige Kataloge produziert, die wegen ihrer Daten- und Bilderfülle bis heute im heimischen Buchregal überdauern konnten: Silber und Salz (Köln), Das konstruierte Bild (München), Verfahren der Fotografie (Essen), Prospect Photographie (Frankfurt), Der geraubte Schatten (München/Köln), Das Medium der Fotografie ist berechtigt, Denkanstöße zu geben (Hamburg). Wissenschaftliche Symposien wurden ebenso veranstaltet wie Festivals, darunter die erste Triennale in Esslingen. Und die ifa schickte selbstbewusst die Subjektive Fotografie –  der deutsche Beitrag 1948-1963 auf Reisen, Katalog inklusive. Sicher sind auch monografische Bildbände zu nennen, etwa die Wassertürme von Bernd und Hilla Becher und Female Trouble von Bettina Rheims aus dem Verlagshaus Schirmer/Mosel. Im Rückblick fällt die bibliografische Jahrgangsausbeute erstaunlich üppig aus. Insgesamt 610 Titel vermerkt die Photokollektion von Rolf H. Krauss für das Jahr 1989, die Datenbank photolit.de zählt immerhin rund 500 Bucheinträge auf. Publikationsgeschichtlich bedeutet das Jahr 1989 zweifellos einen Durchbruch für die Fotografie in Deutschland. Er half, einen neuen Status Quo zu etablieren.

Ahnung

Dennoch blieb dem Studienanfänger von damals nicht verborgen, dass die verschiedenen Bildkompendien und Denkansätze zur Fotografie sich merkwürdig heterogen zueinander verhielten. Konnte man dem Wesen der Fotografie überhaupt auf die Schliche kommen? Inwieweit ließen sich Arbeiten von namhaften Fotokünstlern wie Astrid Klein und Walter Dahn vergleichen mit dokumentarischen Reportageaufnahmen, wie sie etwa der Magnum-Band Zeitblende bereithielt? Wo war die Klammer des Ganzen, wo die Essenz? Mit dem Blick von heute mutet der Impuls, die Fotografie als ein singuläres Phänomen verstehen zu wollen, wohl etwas merkwürdig an. Fotografie hieß damals  Fotografie denken und für eine ganze Studentengeneration nichts anderes als Walter Benjamin, Susan Sontag und Vilém Flusser lesen. In einem unscheinbaren Taschenbuch meinte man eines Tages dann den passenden Schlüssel gefunden zu haben. Der Suhrkamp Verlag hatte 1989 Die helle Kammer von Roland Barthes als broschierte Volksausgabe aufgelegt. Ein leichtes Theoriegerüst, das durchweg verständlich war, verband sich in dieser Bemerkung zur Photographie – so der bescheidene Untertitel des Bandes – mit einer bestimmten Wahrheit der Anschauung. Endlich konnte man hier über den Tod und die Liebe nachsinnen. „Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt“ – die Rede war von einer Verletzung. So wurde die Metapher des Einstichs, die in den lateinischen Begriff des punctum gekleidet wurde, zum führenden Leitmotiv der Fotografie und infolge beinahe selbst zu Tode rezitiert. Genau da, in dem Stachel des Zufalls, der sich in jedem nichtigen Detail offenbaren konnte, meinte die 89er Generation bekanntlich das Reale zu verorten. Wer will, mag in dieser Motivation auch schon das Grundelement einer postmodernen Betrachtungsweise erkennen, die nicht länger mit absoluten Wahrheiten hausieren gehen wollte, sondern das Glück gezielt in essayistischen und höchst subjektiven Momenten suchte. Vielleicht bildet sie auch den Bodensatz für den beispiellosen Erfolg des Fotobuches als ein künstlerisch autonomes Medium der Gegenwart.

Für ihre zweibändiges Kompendium Photobook. A History wählten Martin Parr und Gerry Badger zwei deutsche Publikationen aus dem Jahre 1989 aus. Der ewige Schlaf von Rudolf Schäfer und Ahnung von Volker Heinze. Der eine Fotograf stammt von Ost-, der andere von Westdeutschland. Der eine Band handelt von Totengesichtern, der andere von der ausweglosen Situation in Berlin unmittelbar vor dem Mauerfall. Der eine erzählt in schwarzweißen, der andere in farbigen Bildern. Doch beide Fotobücher erzählen poetisch und kompromisslos von einer Verletzung wie von einer Befreiung. Keine Frage, 1989 war ein guter Jahrgang.

Christoph Schaden, 2009

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