Ein Tag Deutschland

Tage wie diese

Unmöglich ist's, den Tag dem Tag zu zeigen, der nur Verworrnes im Verworrnen spiegelt.

Johann Wolfgang von Goethe

 

Behaupten Sie jetzt bitte nicht, dass Sie sich an etwas erinnern könnten! Ein schwergewichtiger Foliant wie dieser, den Sie gerade in den Händen halten, will nämlich einen Beweis erbringen und zugleich mit einem Pfund wuchern, das in unseren Tagen unendlich kostbar erscheint.

Bücher bleiben, heißt es altbacken und wahrhaftiger denn je, was in Bezug auf seinen Gegenstand bedeutet, dass sich auch zwischen diesen Buchdeckeln etwas mit Vehemenz gegen ein kollektives Vergessen stemmt, währenddessen einmal mehr eine gefühlte Abermilliarde an Jetztzeitinformationen gerade im Malstrom der digitalen Medienwelt versinkt. Gewiss mag man ein solches Unternehmen wie dieses hier als einen schönen Anachronismus abtun. Doch versichert sei, dass eine Kernfrage mit jeder Seite, die Sie umblättern werden, immer eindringlicher in den Blickpunkt gerät: Ist in einem überhaupt etwas in Erinnerung geblieben von jenem 7. Mai 2010? Falls ein Verwandter oder Freund von Ihnen Geburtstag gefeiert hat, ist die Chance jedenfalls groß. Und wenn Sie an jenem Tag Vater, Mutter oder Großeltern geworden sind, werden sie ihn wohl nie vergessen. Hoffentlich ist Ihnen an jenem Freitag, der kein 13. war, nichts Traumatisches passiert, denn auch dann zerrinnt ein Tag nicht im Nirwana des Unbewussten. Aber ansonsten scheint unser zerfasertes Gedächtnis diesem 7. Mai keine Chance für die Nachbetrachtung geben zu wollen. Warum auch? Um den Spieß umzukehren, wäre im Gegenzug ja die Gegenfrage erlaubt: War es dieser Tag überhaupt wert, ins Visier einer ganzen Heerschar von Fotojournalisten genommen zu werden? Und falls ja, zeigt das Resultat nicht ein anderes Bild dieses Landes, das wir in Erinnerung behalten sollten?

Es war übrigens gar nicht so leicht, diesen 127. Tag des Gregorianischen Kalenders ausfindig zu machen. X-beliebig sollte er sein. Möglichst unauffällig und durchschnittlich und auf keinen Fall symbolträchtig im nationalen Jahresgefüge. Viele Tage schlossen sich also per se aus. Der 3. Oktober etwa, der 17. Juni und der 9./10. November. Der 27. Januar natürlich, der 1. September und nicht zuletzt auch jener tabubesetzte 20. April, der gottlob immer leiser und mitunter bizarrer nachhallt. Feiertage blieben obsolet, Sonntage kamen ebenfalls nicht in Betracht, Samstage waren ungünstig. Ein Werktag, ein Frühlingstag sollte es sein. Die Geschichtsbücher werden unseren 7. Mai wohl – wenn überhaupt! – als „den Tag vor dem Tag davor“ in der Erinnerung bewahren. Dabei ist noch nicht einmal vom Kriegsende die Rede. Für die Nachgeborenen, die diese Zeilen erst im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert lesen werden, sei vermerkt: An dessen Folgetag, also am 9. des Monats, fand in Nordrhein-Westfalen eine Landtagswahl statt, die die parteipolitischen Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat entscheidend ändern sollte. Wer weiß, ob diese Denkzettelwahl einmal als „historisch“ in die Annalen eingehen wird. Viel denkwürdiger erscheint allerdings, dass am 7. Mai 2010 das Deutsche Ärzteblatt mit einer spektakulären Meldung aufwartete: Demnach habe sich der Homo Sapiens tatsächlich mit dem Neandertaler vereint, wie DNA-Analysen nun zweifelsfrei belegt hätten. Für manche Wahrheiten benötigt unsere Spezies wohl Jahrtausende. Wie dem auch sei: Von all den medialen Wirklichkeiten werden Sie in diesem Buchwerk, das multiperspektivisch einen „Tag in Deutschland“ im fotografischen Bild erkundet, nichts oder allenfalls wenig spüren (wenngleich eine vielgesehene Politikerelite des Landes merkwürdig präsent zu sein scheint).

Trefflich lässt sich darüber spekulieren, ob ein Kollektiv wie Freelens, das so ambitioniert seine Fotografengilde in die unterschiedlichsten Zonen und Lebenswelten des Heimatlandes entsendet, um in einem so engen Zeitfenster ein frei gewähltes Terrain des Alltags zu sondieren, nicht mit Kalkül einen Gegenblick auf bundesrepublikanische Wirklichkeiten werfen will. „Nehmt es nur auf euch, das Leben in diesem grauen, eintönigen Alltag, dieses Wirken, für das euch niemand lobt, dessen Heldentum niemand bemerkt, das in niemandem Interesse für euch erweckt“, könnten wir mit dem großen Fjodor Michailowitsch Dostojewski aufrufen und in den Bildern dieses Buches unschwer ein heroisches Moment ausmachen. „Wer diesen grauen Alltag erträgt und dennoch dabei Mensch bleibt, der ist wahrhaft ein Held.“ Dieses Land, das Deutschland heißt, besteht mehr denn je aus unzähligen Helden und Handwerkern, Nischen und Nomaden, Landschaften und Leidenschaften, postuliert dieses Buch. Und trotz des bedeckten regnerischen Himmels, der sich allenthalben durch die Bilderfolgen zieht, ist dieses Land beleibe nicht ganz so grau.

Vor dem inneren Auge sehen wir sie schon vor uns: Soziologen und Bildwissenschaftler, die sich in ferner Zukunft einmal die Frage stellen werden, wie denn alles gewesen sei. Damals, in diesem Land, in dieser Dekade, die so schlecht in Bildern dokumentiert ist wie keine andere zuvor und danach, weil mit der digitalen Zeit hoffnungslos alles zerstört wurde. Von den Schriftquellen haben sie immerhin erfahren, dass sich zu jener Zeit der Fotojournalismus in Deutschland in einer Krise befunden haben musste. Um so verwunderter werden sie dann wohl jenen verstaubten und beleibten Band zum 7. Mai 2010 aus dem Buchregal herausholen - falls es Buchregale noch geben sollte - und sich die Augen reiben, wenn sie die Bilder darin genau anschauen. Sehr genau. Als ob es etwas zu beweisen gäbe.

Christoph Schaden, 2010

 

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