Claudio Hils. Industrie_Zeit_Raum

Die Stadt, um die es geht

Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.

Cees Nooteboom, Rituale (1980)

Was ist daran wichtig,  eine Erinnerung zuordnen zu können?
Warum soviel Zeit damit verbringen,  die genauen geographischen und zeitlichen
Breiten- und Längengrade der Dinge zu suchen,  an die wir uns erinnern?

Steve Erickson, Days between Stations (1985)

 

Es scheint, als müsse die Stadt, um die es geht, um ihr Gedächtnis ringen, und mit ihr das Gedächtnis um sich selbst. Ein Gedächtnis, das sich willkürlich abgelegt hat in spärlich erhaltenen Relikten und Formen, die ausnahmslos Spuren eines zwiespältigen Erbes aufweisen. Hiervon zeugen in aller metaphorischen Drastik die Bilder dieses Bandes. Es hilft, sie mit theatralischem Pathos zu beschreiben.

Tageslicht. In einer steingefliesten Empfangshalle wartet die Spezialanfertigung eines überdimensionalen Standglobus seit Jahrzehnten vergeblich auf die Einlösung eines Versprechens. Auf den Breiten- und Längengraden seiner Oberfläche sind all jene Routen abgesteckt, auf denen einst Luftschiffe das Signum ihres Erfinders in die Welt trugen. Es handelte sich um ein allzu grobmaschiges Netz, wie man heute weiß, das nicht zu halten vermochte. Die Utopie verbrannte bekanntlich, jedoch keineswegs mit ihr die identifikatorische Erinnerung, deren touristisches Potential als Mythos dieser Tage wieder aufbereitet wird. So schwer das Vergangene wiegt, so leichthändig folgt der Rückgriff ins Sentiment. Über die Gegenwart schrieb Marshall McLuhan, sie sei allenfalls noch durch einen Rückspiegel erkennbar. In der Stadt, um die es geht, bleibt der Blick hypnotisch auf einen Verkehrsspiegel gerichtet, der im Zerrbild den maßstabsgetreuen und formvollendeten Archetypus als Miniaturmodell ausmacht. Ein Bild im Bild im Spielzeugland. Es liegt nahe, dass der Himmel blau zu sein hat.

Die Stadt, um die es geht, wurde völlig zerstört. Aus den industriellen Koordinaten ihres Aufstiegs und Falls haben sich bis in die Gegenwart jene Markennamen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, die von Licht und Schatten gezeichnet sind. Dornier, Maybach, Zeppelin. Als Image reduziert sich ihre memorierte Verankerung auf das abgehalfterte Monumentalbild im Foyer einer Vorstandsetage, das in heroischem Schwarz-Weiß noch einmal die himmelwärts schwebende LZ 127 auf ihrer Weltfahrt im Jahre 1929 abbildet. Es galt bekanntlich die hybride Vision, nichts Geringeres als die Welt zu erobern, ein Expansionsdrang, der wenig später mit militärischen Mitteln eingelöst wurde. Die Rüstungskonzerne standen der Diktatur zu Diensten und die Folgen waren verheerend, nicht nur für die Stadt. Die Geschichte erzählt weiter, dass zwischen Tabu und Tradition abermals ein Neuaufbau unter dem Diktat des technologischen Fortschritts gelang. Mit ihm verbunden war ein Vernarbungsprozess, dessen sichtbare Spuren zunehmend geglättet werden sollten. Im RückspiegeI McLuhans wirken die verbliebenen Relikte dieses Aufbruchs umso trostloser. Einmal ihrer Aura beraubt, haben sie in der Gegenwart kaum mehr Platz im funktionalen Getriebe. Holzvertäfelte Schranktüren eines Besprechungsraums tragen bereits Archivierungsnummern; in der Industriebrache überdauert eine defekte Straßenlaterne, von Pflanzenwerk überwuchert. Was bleiben durfte, verwahrt ein Produktarchiv unter Neonlicht. Vereinzelte Großbilder und Protomodelle als Beweismittel früherer wirtschaftlicher Prosperität auf Staffeleien und Podesten aus Holzpaletten. Wann genau auch sie wegtransportiert werden, bleibt offen. Das Gedächtnis ringt noch.

MTU, EADS, ZF-Konzern, Zeppelin GmbH. Die Brandzeichen der Konzerne, die das industrielle Erbe der Stadt verwalten und auf dem Weltmarkt agieren, sind auf wenige Großbuchstaben reduziert. Verkürzung fungiert als globales Leitprinzip im Sinne der Ertragssteigerung, dem alles unterworfen ist. Dem strengen Diktat des Funktionalen unterliegen denn auch alle Handlungsanweisungen für die Jetztzeit, ein Blick nach unten genügt. Ein einziger gelber Fußabdruck auf asphaltiertem Bodenbelag gibt unmissverständlich die Laufrichtung vor. Die Verlaufskurve der Formel „Speed x Power“, an der Pinnwand eines Besprechungsraums aufgemalt, steigt diagonal nach oben. Ein weiteres Bild in diesem Band zeigt ein Geflecht von Horizontalen und Vertikalen, sie markieren die verschachtelten Transportwege der Produktionsstätten. Nur ein einziges Mal evoziert die gesichtslose Matrix ein Déjà-vu. Ein ästhetisch zugeschnittenes Blech aus Aluminium erinnert unwillkürlich an die biomorphe Urform der Luftschiffe, es wird heute zu Türmen montiert, die als Lagersilos dienen. Einmal mehr gilt es, dem Himmel nahe zu kommen.

Es scheint, als wolle sich die Stadt auch weiterhin nicht von einer Selbstvergewisserung lösen, die im Expansiven verhaftet bleibt. Im Entree eines Besucherzentrums werden abermals zukunftsweisende Verheißungen abgehandelt. Ein säulenartiges Display weist dort vom anliegenden See geradewegs hinauf in den Orbit, man muss nur dem Treppenlauf folgen, suggeriert es. Auf einem anderen Bild versperrt ein orange geschönter Plastikzaun bereits den Zugang zur anliegenden Uferpromenade. Wer sieht, findet Widersprüche, überall. In ihrer Summe erweist sich die vorliegende Bilderfolge als ein sezierendes Instrument verzerrter städtischer Eigenwahrnehmung. Nicht grundlos verwehrt ein Milchglas den Einblick in einen Präsentationsraum, in dem alle zukünftigen strategischen Entscheidungen an die Öffentlichkeit weitergeleitet werden.

Distanz tut Not. Ein Satellit, staubfrei in Folie verpackt und montiert in 20 Meter Höhe, glänzt hoheitsvoll in kostbarem Metall. Als Zenit im Wertesystem des Materiellen verkündet der Goldgrund seit alters her die Heilserlösung. Seitlich spiegeln sich kopfüber zwei funktionale Träger der Montagehalle, einmal mehr könnte die Fallhöhe kaum größer sein. Es scheint, als bliebe die Stadt, um die es geht, weiterhin gefangen in Industrie, Zeit, Raum.

Christoph Schaden, 2005

 

Syndicate content