Claudia Fährenkemper. Fermyn Woods Wild Flower Project

Fermyn Woods Wild Flower Project 2009

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Henry Fox Talbot, 1817

 

Die jüngste Werkserie von Claudia Fährenkemper offenbart sich zunächst in Form einer medialen Rückvergewisserung. Fotogramme von Pflanzen- und Blumenmotiven, die am Findungsort unmittelbar von Sonnenstrahlen belichtet wurden, hinterlassen auf dem Bildträger einen Abdruck in Originalgröße, der in seiner Farbigkeit bizarr gehalten ist. In der Anschauung stellt sich der Abdruckcharakter der Fotogramme bewusst zwischen Anachronismus und Modernität. Im Sinne von Georges Didi-Huberman folgt die bildkünstlerische Strategie hierbei nicht mehr dem Diktat der Ähnlichkeit, sondern der Unmittelbarkeit des Ausdrucks, den man wiederum allegorisch deuten kann.

Fermyn Woods Wild Flower Project 2009 - schon im Titel deklariert sich die eigentümliche Bildserie als Resultat eines zeitlich und topografisch determinierten Unterfangens. Sie entstand innerhalb von vier Wochen im Hochsommer 2009 auf dem Terrain der nichtkommerziellen Fermynwoods Gallery, gelegen zwischen Leicester und Northampton in Mittelengland. Als Gegenstand der Bilddokumentation diente eine geschützte Wildblumenwiese, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Cottage im alten Forst von Fermynwoods fand. Früher war ein solcher Wiesentypus war für die Flora der britischen Insel durchaus beispielhaft,er  wurde jedoch zwischen 1930 und 1980 durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung nahezu eliminiert. Heute werden solche wildbewachsenen Restflächen wieder zunehmend kultiviert und wissenschaftlich erforscht.[i]

De künstlerische Eingriff folgte vor Ort: Claudia Fährenkemper drapierte die vorgefundenen floralen „Objects trouvées“ zügig  auf lichtempfindliches Silbergelatinepapier und setzte dieses, abgedeckt mit einer Glasplatte, der starken Sonnenbestrahlung aus. Die vorliegenden, lediglich fixierten Fotogramme, bei denen es sich ausnahmslos um Unikate handelt, entstanden in einem Zeitraum von ein bis drei Stunden.

In ihrer Motivwahl und Technik referieren die Bilderzeugnisse ihrer archaischen Pflanzenerkundung nicht zufällig auf die Ursprünge des fotografischen Verfahrens, das insbesondere in England zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Neben dem Gelehrten Henry Fox Talbot, der bereits in den 1830er Jahren mit Pflanzenmotiven experimentierte, die nach dem „Zeichenstift der Natur“ entstanden waren, widmete sich nahezu zeitgleich auch die britische Botanikerin Anna Atkins monochromen Studien zur fotografischen Erfassung von Naturobjekten. Jüngst wurde in der fotohistorischen Forschung gar ein Fotogramm diskutiert, das spekulativ dem Engländer Thomas Wedgwood zugeschrieben und als erste fotografische Abbildung überhaupt ausgewiesen wurde. Bereits diese „fotogenische Zeichnung“, die von dem Experten Larry J. Schaaf in die 80er Jahre des 18. Jahrhunderts (!) datiert worden ist, zeigt mit dem feinädrigen Blatt eines Laubbaumes ein Naturmotiv aus der Pflanzenwelt.

Im digitalen Zeitalter greift Claudia Fährenkemper diese Bildreferenzen aus der Frühzeit der Fotografie auf, um sie mit Kalkül gegen die Folien der Moderne auszuspielen. Hierbei wendet sie Klassifizierungsmuster an, wie sie aus der dokumentarischen Fotografie des 20. Jahrhunderts überliefert sind. Beispielhaft zu nennen seien hier etwa die Pflanzenaufnahmen von Karl Blossfeldt. Naturwissenschaftliche Ordnungskriterien, die in den nüchtern bezeichnenden Titeln der Bilder anklingen, suggerieren bei Fährenkemper, die bei Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie in Düsseldorf studierte, zudem eine Nähe zur Konzeptkunst. Allerdings werden anstelle tradierter lateinischer Termini  zeitgenössische Pflanzenbezeichnungen verwendet, um der Sprache des konkreten Fundorts zu entsprechen. Creeping Thistle, Selfheal, Meadowsweet…

So verwundert es nicht, dass die Fotogramme des Fermyn Woods Wild Flower Project aufgrund ihrer kompositorischen Drapierung vor allem als bildästhetische Artefakte wahrgenommen werden wollen. Claudia Fährenkemper hinterlegt dabei eine fotografische Spur, die in hohem Maße energetisch ist. Denn die unter der Wärmeeinwirkung ausdehnende Pflanzenflüssigkeit erzeugt auf dem Fotopapier eine dunkle „Aura“, weswegen die Pflanzenteile, die im Belichtungsprozess dicht anliegen, noch deutlicher aus dem Bild herauszutreten scheinen. Ebenfalls von Ambivalenz geprägt ist der unterschiedliche Abstand einzelner Pflanzenteile, der bewusst zwischen Präzision und Auflösung von Strukturen und Formen bzw. zwischen Flächigkeit und Plastizität changiert. Mitunter mutiert der Abdruck gar zu einem vermessenen Ausdruck des Schönen. So bleibt auch die Farbgebung der Fotogramme irritierend, die in merkwürdig abgestuften Orange- und Lilatönen eine eigene, apokalyptisch anmutende Künstlichkeit generiert.

Christoph Schaden, 2010

 

[i] Die Wildblumenwiese ist offiziell durch einen SSSI-Status geschützt (Site of  Special Scientific Interest). Sie wird lediglich einmal im Jahr gemäht, weitere Eingriffe sind streng untersagt. Auf einem festgelegten Trampelpfad darf sie lediglich durchwandert werden.

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