Bernd Arnold. Wahl. Kampf. Rituale

WAHL. KAMPF. RITUALE.

Über eine fotografische Langzeitstudie von Bernd Arnold


Sechs Silben, drei Begriffe. Ein jeder für sich genommen schon wert, gleichsam seziert und mit eiskaltem Chirurgenblick analysiert zu werden: Wahl. Kampf. Rituale. Bilder tauchen auf, Erinnerungen werden wach. Stimmungen und Atmosphären. Gesten und Riten. Masse und Macht...

Im Zusammenklang eröffnet die Begriffstriade dann noch ein weiteres Vorstellungsbild, bei dem - merkwürdig genug - ebenso viel Vertrautes wie Befremdliches mitschwingt. Keine Frage, Wahlkampfrituale bedeutet in der Summe ein krudes Wort-Ungetüm. Auf kürzestem Wege vereint sich das Politische hierin mit dem Kriegerischen und dem Religiösen. Deswegen ist das Unbehagen, das dieses Sechssilbenwort auslöst und nur mühsam durch Interpunktionen abgemildert werden kann, so bezeichnend. Auch das Internet liefert hierfür einen trefflichen Beweis. Der Terminus „Wahlkampfritual“ verzeichnet insgesamt nur rund 100 (!) Google-Einträge, währenddessen sein bezeichneter Gegenstand zu den festen und tradierten Bestandteilen unseres westlichen Demokratieverständnisses zählt. Wir alle meinen ihn schließlich zu kennen, den Wahlkampf. Und wir alle kennen natürlich die Bilder, die längst Teil des Rituals geworden sind.

Wahlkämpfe stellen in unserer Gesellschaft "rituelle Inszenierungen des demokratischen Mythos" dar, schreibt Andreas Dörner. Dabei seien Rituale aber keinesfalls inhaltsleer oder überflüssig, so der Medienwissenschaftler, sondern erfüllten die konkrete soziale Funktion, "Sinn gemeinschaftlich erfahrbar" zu machen. In Wahlkämpfen erfahren die Bürger nämlich überhaupt erst, dass jener demokratische Mythos tatsächlich wahr sei, lautet seine Schlussfolgerung. Es gehe hierbei letztlich darum, aufzuzeigen, dass die Wähler ‚die Helden’ seien, deren Souveränität sich am Tag der ‚Abrechnung’, eben am Wahltag, erst offenbare. Wenn man Dörners These Glauben schenken will, formuliert sich in Wahlkämpfen also auf ebenso spielerische wie archaische Weise eine Vergewisserung unseres Demokratieverständnisses. Es handelt sich um ein kollektives Sinnspiel, das es darauf anlegt, visualisiert und in Szene gebracht zu werden. Eben darin besteht sein Sinn.

Hierzu passt, dass ein gewisses theatralisches Grundelement Wahlkämpfen schon seit der Antike eigen ist. Daran ändert auch nichts, dass die betreffenden Schlagworte unmittelbar und gegenwärtig klingen: Von Amerikanisierung und medialer Inszenierung ist allenthalben die Rede, wenn in den Mediendemokratien unserer Tage von Wahlkämpfen berichtet wird. Dabei spielen fotografische Bilder, die den potentiellen Wähler erreichen sollen, natürlich ein doppeltes Spiel. Im Sinne der parteipolitischen Propaganda dienen sie einerseits ganz substantiell der Mobilmachung des Wahlvolkes. Andererseits gilt für das akkreditierte Heer der Bildjournalisten weiterhin das Gebot, im fast physischen Sinne Distanz zu wahren. Was auch immer heißt, sich der Schizophrenie der eigenen Rolle bewusst zu sein. Kluge Bilder, so scheint es heute zumindest, nehmen diese Referentialität der eigenen Zunft sogleich mit ins Visier, um aus dem eigenen Dilemma Kapital zu schlagen: Kein Foto, dass (im Bild) ohne Fotografen auskommt. Keine Berichterstattung mehr ohne gleißendes Blitzlichtgewitter. Keine Politikerrede ohne Großbildmonitor im Hintergrund. Einmal mehr, könnte man meinen, hat dieser neue Bilderkanon ein Hamsterrad installiert, in dem immergleich die Floskel von der „Inszenierung der Politik der Inszenierung der Politik...“ vor sich hergetrieben wird.

Bernd Arnold, der hierzulande bereits seit 1984 Wahlkämpfe fotografiert, ist sich da nicht so sicher. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs verweist der in Köln lebende Bildjournalist darauf, dass er in seiner Dokumentararbeit keinen Moment lang eine privilegierte Position gesucht habe. Ihm genügen in den Wahlkampfarenen vielmehr die für die Bildjournalisten zugewiesenen Areale, die den eigenen Standpunkt auf die Bühne einengen. Dass sich seine Bilder so spektakulär von denen seiner Kollegen unterscheiden, hat wohl mit einem gedanklichen Ansatz zu tun, der sich wiederum aus seiner Biografie ableiten lässt. Sein Vater habe als Ton-Ingenieur am Schauspielhaus Köln gearbeitet und die kindliche Konfrontation mit dieser Welt des Theaters habe ihn dann sicher für Inszenierungen jedweder Art sensibilisiert, lautet die Eigendiagnose. So macht Arnold selbst im Rückblick jene Suche nach dem theatralischen Moment im Realen als den eigentlichen Kern seines Schaffens aus. Bisher hat es ihn in so unterschiedliche Biotope wie Bordelle und Gotteshäuser, Fernsehstudios und Privatbanken geführt.

Natürlich hat auch Bernd Arnold vorformulierte Bilder im Sinn, wenn er an Wahlkampfauftritte denkt. Das seien aber nicht die klügeren, sondern die dümmeren, die lediglich eine zudienende Funktion einnehmen, sagt er. Es fallen dann, wie zu erwarten, die beiden Begriffe „Wiederholbarkeit“ und „Austauschbarkeit“ und das Gespräch wendet sich mit leisem Lamento hin „auf den Pawlowschen Reflex der Fotojournalisten, bei geeigneten Motivhäppchen zuzuschnappen,“ wie einmal Elke Grittmann den fatalen Mechanismus des Medienapparats in der Politik beschrieben hat. Dass die Politik den Bedarf an Bildern kennt und entsprechende Angebote macht, um sie in eine Ikonografie zu überführen, über die größtmögliche Kontrolle ausgeübt werden kann, ist erwartungsgemäß auch Arnolds Perspektive. Wir sind uns einig: Sich diesem Reflex ein Stück weit zu verweigern, gehört wohl zu den größten Herausforderungen an den heutigen Fotojournalismus. Die Frage ist nur, wie ein probates Gegenmittel aussehen könnte. Bernd Arnold überlegt nicht lange: „Ich mache halt das Bild daneben.“

Prägnanter ist sein Vorgehen wohl nicht beschreiben. Arnolds steten Impuls, gesellschaftlich relevante Rituale der Gegenwart zu erkunden, mag man vielleicht am besten als „visuelle Soziologie“ bezeichnen. Insbesondere die Bilder der sieben Bundestagswahlkämpfe, die er bisher begleitet hat, legen einen kalten Blick auf das komplexe Gewebe von ausgeklügelten Inszenierungsstrategien frei, um wie mit einem Seziermesser ins Innere, ja Wesenhafte dieses politischen Phänomens vorzudringen. Das tut nicht selten weh. Posen statt Verlautbarungen, Gesten statt Versprechungen, Mimen statt Worte treten unerwartet hervor, wenn eine uns sattsam bekannte Politikerelite in den Blickpunkt der Analyse gerät. Anschnitte, Blendungen und Leerstellen gehören hierbei zu den stilistischen Einsatzmitteln. Das anachronistische Schwarzweiß, wie man es aus der Reportagefotografie vergangener Tage kennt, wird hier ebenfalls instrumentalisiert, um Nebensächlichkeiten zu eliminieren. Das Bildresultat geht ins Mark: Denn das Theatralische der Politik verdichtet sich zu einer existentiellen Parabel über Maske und Mensch, über den unerbittlichen Willen zur Macht um den Preis von Leere und Einsamkeit.

Bernd Arnold hat seine Bildstrategien bereits Mitte der 90er Jahre verfeinert und hieraus eine eigene Handschrift entwickelt, wie dies im Fotojournalismus dieser Tage nur noch selten der Fall ist. Auf seine Einflussgrößen befragt, nennt er fast brav seine beiden Dortmunder Hochschullehrer Adolf Clemens, der Meisterschüler bei Otto Steinert war, und Hans Meyer-Veden, das Hamburger Urgestein, das sich bei der jüngsten DFA-Tagung wieder in Erinnerung brachte. Es überrascht, denn es sind zwei Referenzen, die auf eine vergangene und weitgehend vergessene Traditionslinie deutscher Fotografie verweisen.

Aus den 18.000 Fotografien der vergangenen 25 Jahre hat Bernd Arnold nun 120 Aufnahmen für den geplanten Bildband Wahl. Kampf. Rituale herausgesucht. Sie liegen in chronologischer Anordnung ausgebreitet auf dem Boden. Der Blick schweift nach unten. Die beschwörende Hand von Strauß. Kohls physische Präsenz. Brand, in sich versenkt. Der herabgezogene Mundwinkel von Rau. Schröder, beschwörend. Merkel als Lichtgestalt. Stoiber. Westerwelle, verkniffen. Und immer wieder Lafontaine. Urplötzlich ist man doch wieder in einem historischen Zeitbild angelangt und spürt deutlich eine Last der jüngeren deutschen Geschichte. Sie ist alles andere als leicht, behaupten die Bilder. Doch kann man ihnen auch trauen? Bernd Arnold lächelt verschmitzt, denn einmal mehr sind wir in die Falle getappt. „Authentisch ist nicht der aufgenommene Moment, sondern lediglich seine Inszenierung“, gibt er zu denken. Wie recht der Mann doch hat.

Christoph Schaden, 2010

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