Bernd Arnold. Das Kölner Heil

Zum Begriff des Kölner Heils

Was die Heilsbedingungen angeht, wird in der christlichen Dogmatik seit der Antike das Verhältnis von Verdienst und Gnade diskutiert. Offensichtlich ist es schwierig, sei es auf den Menschen, sei es auf Gott, als Heilsfaktor zu verzichten.

Niklas Luhmann

 

Kein anderer Begriff hat in Deutschland nach 1933 eine so radikale Umdeutung erfahren wie »das Heil«. Die Nennung des Heils im Hitlergruß führte in der Nachkriegszeit zur Tabuisierung des Wortes, die den komplexen Bedeutungsgehalt, wie ihn das 19. Jahrhundert noch kannte, völlig verdrängt hat. Erst in jüngster Zeit hat die Religionswissenschaft den Begriff in seiner fundamentalen theologischen Aussage wiederentdeckt. Eine Erklärung des historisch belasteten Begriffs scheint heute also immer noch notwendig, gleichzeitig scheint der Gebrauch – gerade in der Theologie – unverzichtbar, da er die eigentliche Motivation jeglichen religiösen Handelns benennt.

Das Heil in seiner theologischen Bedeutung definiert den Kern einer jeden Religion, trifft es doch auf die existentielle Erfahrung des Menschen, der Unheil erfährt. Aus dieser Erfahrung resultiert das Bedürfnis nach Heil im Sinne von Erlösung. Mensch und Gott, Heil und Unheil, Sünde und Erlösung. Um diese simplen polaren Grundstrukturen gruppiert sich in jeder Religion ein sehr sensibles Geflecht mehrerer Faktoren, die zur Erlangung des Heils notwendig sind. Niklas Luhmann führt vor allem Verdienst und Gnade an, die in ihrem dialektischen Spannungsverhältnis in den jeweiligen Religionsgemeinschaften sehr unterschiedlich gewichtet sind. Die Frage nach der Funktion der Religion, nach den ihr immanenten Strukturen, Werten und Ritualen hat in den letzten Jahren zunehmend wieder das Interesse der Wissenschaftler geweckt, besonders der Strukturalisten und Semiotiker. Am Ende dieses Jahrtausends, da auch die großen Religionsgemeinschaften ihre Selbstverständlichkeit in der deutschen Gesellschaft eingebüßt haben, scheint ein unbefangener und zugleich distanzierter Blick auf die christliche Religion erstmals möglich.

Es mag verwunderlich sein, daß schon 1982 der Kunsthistoriker Hugo Borger erstmals den Terminus des sog. »Kölner Heils« in die wissenschaftliche Diskussion um die historische Bedeutung der Stadt Köln eingeführt hat. Borgers These eines »Kölner Ortsheils« zielt auf die spezifische religiöse, soziale und ökonomische Entwicklung der Stadt, die seit über eintausend Jahren geprägt ist von dem Anspruch der „sancta Coloniensis ecclesia“. In der Stadtgeschichte läßt sich die These durch eine Vielzahl an Belegen verifizieren. So manifestiert sich der Rang einer heiligen Stadt im kölnischen Stadtsiegel von 1185, das außer dem lateinischen Titel einen der zahlreichen Stadtpatrone zeigt, den heiligen Petrus. Die eindeutige Anspielung auf Rom spiegelt sich noch heute im Patrozinium der gotischen Kathedrale, die gleich dem Petersdom der Gottesmutter und dem ersten Papst geweiht ist. Mit dem Schrein der Heiligen Drei Könige beherbergt der Dom zudem eine der ranghöchsten Reliquien der Christenheit. Das Erzbistum Köln darf neben der Erzdiözese Chicago als die reichste und vielleicht mächtigste Diözese der Welt gelten.

Von 1986 bis 1996 fotografierte Bernd Arnold die hermetische und hierarchische Welt des Kölner Domklerus, die von Verdienst und Gnade, von Leid und Hoffnung, von Sünde und Erlösung gezeichnet ist. Seine Bilder analysieren ein autonomes Heilsystem in seinen Machtstrukturen, das scheinbar unberührt von allen Entwicklungen dieses Jahrhunderts weiterlebt. Mit der These Borgers stellt sich die Frage, inwieweit diese spezifisch lokale Ausprägung römisch katholischer Frömmigkeit die Identität der Stadt Köln und ihrer Einwohner bis in die Gegenwart prägt.

 

Christoph Schaden, 1997

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