Benedikt Steinmetz

von Amts wegen

 fast alle deutschen länder zerfallen in einzelne ämter und gerichtsbarkeiten, obere und untere, vor welche die unterthanen erfordert werden, vor denen sie erscheinen sollen: wir werden eingezogen, wir müssen vors amt. gott weiß!

JWvG

 

Da hilft weder Zetern noch Zaudern, da hilft kein Gemecker oder Geschrei. Was der große Dichter einst zu Papier brachte entfacht von dem Impuls, eine Grenzerfahrung der deutschen Bevölkerung in eine geeignete Sprachformel zu überführen, scheint in unseren Tagen stets noch merkwürdig vertraut. Wir müssen vors Amt. Gott weiß! Eine zutiefst ernüchternde Erkenntnis, die schwarz auf weiß geschrieben steht in dem Einakter Der Bürgergeneral, ein durchaus heiteres Lustspiel, das der große JWvG im Jahre 1893 – also in noch jugendlichem Lebensalter – verfasste. Man mag sicher darüber spekulieren, ob auch er zu jenem Zeitpunkt bereits einschlägige Erfahrungen mit einer jenen Vorladungen machen durfte, denen sich die Protagonisten seiner Komödie zu fügen hatten, und an deren Ende naturgemäß eine Mobilmachung steht.

Wir müssen vors Amt. Gott weiß! Man wird in unseren Tagen, in denen diskutiert wird, ob hierzulande die Wehrpflicht und mit ihr die Kreiswehrersatzämter (welch ein Begriff!) abgeschafft werden soll, Arbeitsämter sich in eine „Agentur für Arbeit“ umbenennen und ein Servicegedanke unaufhaltsam bis in die letzten Winkel kommunaler Behördenstuben vorzudringen scheint, weidlich darüber sinnieren wollen, inwieweit ein solches Idiom seinen terreur längst verloren hat. Eher weckt es wohl ein nostalgisches Gefühl. Denn was heute droht, ist allenfalls noch eine längere Warteschleife in der Servicehotline, die uns mit einem fröhlichen Jingle die Lebenszeit versüßen will.

Gewiss ist es ist kein Zufall, dass Benedikt Steinmetz in dem Bilderreigen des vorliegenden Bandes, der den schönen Titel  „von Amts wegen erfasst“ trägt, die bundesrepublikanische Behördenlandschaft des 21. Jahrhunderts in einem sezierenden Schwarzweißmodus ins Visier nimmt. Hierbei hat er den Ausspruch des großen JWvG im geradezu physischen Sinne umzusetzen gewusst und sich folglich selbst „vor das Amt“ zitiert. In Saarbrücken lebend, erfasste der Lichtbildner mit gebotener Sorgfalt die über 150 Ämter seiner heimatlichen Landesstadt, um die tristsachlichen Fassaden jener ministrablen Institutionen zu dokumentieren, die ex officio mit der Aufgabe betraut worden sind, im Sinne des Gesetzes Aufgaben der öffentlichen Verwaltung wahrzunehmen. (So steht es zumindest im VwVfG geschrieben, bei dem es sich keineswegs um einen großen Dichter handelt). Die Lichtbilder sind dann auch mit einem digitalen Messsuchersystem entstanden, einem Detail versessenen Wahrnehmungsinstrument. Wie der Name schon sagt, erfüllt dieser optische Erfasser einen fest tradierten Anspruch des fotografischen Verfahrens aufs Trefflichste. Man könnte ihn trefflich mit dem Ausruf „Wo denkst du hin! Natürlich , genau so und nicht anders sieht es hier aus. Auch heute noch...“ beschreiben.

Natürlich ist das Resultat unerträglich. Der ausgebreitete Bilderreigen des Benedikt Steinmetz wirkt nämlich wunderbar unzeitgemäß, bis auf die Knochen deutsch und in seiner Komik geradezu getragen von einer loriotschen Akkuratesse, nicht zuletzt, weil der Fotograf seinem Gegenstand ein Höchstmaß an Liebe (jawohl!) entgegenbringt. Eine Liebe, die uns beim Betrachten allerdings einige Schmerzen bereitet. Falls Sie Beweise brauchen, bitte schön: Da entfleuchen zwei Pappschmetterlinge, die an eine Fensterscheibe des Umweltamtes geklebt worden sind, flux! in noch geschütztere Gefilde. Derweil hat sich über dem Amt für Stadtmarketing und Öffentlichkeitsarbeit eine Taube niedergelassen. Dürfen wir darüber sinnieren, ob das Vögelchen noch Briefe an schöne Damen befördern wird? Währenddessen lockt die Abteilung Steuerfahndung des Finanzamtes mit einem Notausstieg, obwohl das Parken hier streng verboten ist. Wir sind schließlich in Deutschland. Irgendwo lockt in der Ferne der Ausspruch „Welcome America“ auf einer Hochhausfassade. Doch will auch dieser Willkommensgruß nicht recht überzeugen, weil uns eine Parkplatzschranke den Eintritt verwehrt. Überhaupt begegnen wir an allen Ecken jenen frivolen Verbotsschildern, ohne die dieses Land einfach nicht denkbar wäre. Nein, hier ist „Kein Eingang“.

Was sagt uns das? Nun, bekanntermaßen drückt sich die Fiktion unseres Staatswesens durch ein ganzes Bündel von Gesetzen und Verordnungen aus. Alles hat seine Ordnung, postulieren sie mit Nachdruck, alles hat an seinen Platz. Basta! Nicht ohne Grund lassen uns die Bilder von Benedikt Steinmetz dann auch an einer steinig strengen Symmetrie regelrecht abprallen. Wer jedoch genau hinschaut, wird in den Winkeln und Nischen dieser rigiden Behausungen all jene Relikte unserer Staatsmitarbeiter ausmachen können, die das mentale Überleben zu sichern helfen. Der Mensch, ein homo ludens, der in einer umfassend geregelten Lebenswelt still und leise die letzten Utensilien seiner Phantasie drapiert. Die Fallhöhe des Absurden scheint da nicht fern.

Fragen Sie jetzt bitte nicht nach Beweggründen. Vielmehr bleiben wir auch weiterhin als Betrachter – und als potentielle Besucher heutiger Amtsstuben ! – außen vor und dürfen uns allenfalls glücklich schätzen, wenn die Sonne auf unser Haupt scheint. Ob wir einen Parkplatz finden werden? Was soll’s, Gott wird es schon wissen. Wir gehen schließlich vors Amt. Vergessen Sie bitte nicht, eine Karte zu ziehen!

Prof. Dr. Christoph Schaden, Köln am Rhein im Jahre 2011

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