Andreas Magdanz. Dienststelle Marienthal

Der Rosengarten

„Der Sieg wird vor allem darin bestehen, dass man eine gute Fernsicht hat, alles aus der Nähe sieht und alles einen neuen Namen trägt."

Apollinaire

 

25.000 Türen bedeuten 25.000 mal die Möglichkeit, eine Schwelle zu überschreiten. Bleiben sie verschlossen, bedeuten sie jedoch ein kafkaeskes Potential visueller wie physischer Verweigerung. Selbst die Anschauung verweigert sich vor 25.000 Türen.

Im retrospektiven Blick zählt der Regierungsbunker in Marienthal mit 25.000 Türen zweifellos zu den größten Verweigerungen der Bundesrepublik Deutschland. Strikte Informationssperren mit teils aberwitzig anmutenden Geheimhaltungscodices haben seit seiner Inbetriebnahme im Jahre 1972 für eine extreme Dämonisierung und Mythisierung des Bauwerks gesorgt. So blieb selbst einigen Bundestagsabgeordneten der Einlass in die vom nationalen Sicherheitsrat initiierte und mit 3 Milliarden DM kostspieligste Wehrarchitektur der Bundesrepublik Deutschland verwehrt. Nicht ein einziges Mal stattete ein amtierender Kanzler der Dienststelle Marienthal während ihrer 22jährigen Laufzeit einen Besuch ab. An dessen Stelle erprobte ein Double, Bundeskanzler üb. bezeichnet, bei der zweijährlich stattfindenden Nato-Übung den atomaren Kriegszustand.[i] Zu groß war wohl selbst den Machthabern das Tabu des Ernstfalls, zu groß war die Angst vor dem Ort, vor dessen Inbetriebnahme jede Vorstellung versagt. Es ist daher wenig erstaunlich, dass der 25 Kilometer südlich von Bonn gelegene Regierungsbunker, der während eines Manövers doppelsinnig mit dem Codenamen Der Rosengarten bezeichnet wurde, auch nach dem Mauerfall in Westdeutschland das skurrilste und zugleich geheimnisvollste Relikt des Kalten Krieges geblieben ist. [ii] Ein Bauwerk, das bis vor kurzem niemand gesehen haben durfte, über das rigoros der Mantel des Schweigens gelegt wurde, provoziert auch rückwirkend Irritationen. Was verbirgt sich de facto hinter dem „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfalle zur Wahrnehmung von deren Funktionsfähigkeit"?

25.000 Türen

Tatsächlich spiegelt sich die konsequente Strategie der Verweigerung nicht nur in der über Jahrzehnte forcierten Geheimhaltungspolitik. Sie offenbart sich geradezu paradigmatisch in der perfiden Architektonik des ins weiche Schiefergestein gehauenen Stollensystems, vor dem jede Anschauung kapituliert. Das, was dem Auge verwehrt wird, lässt sich einzig durch eine Summation von Fakten benennen: 

Auf einer bundeseigenen Grundstücksfläche von 188.023 Quadratmetern erstreckt sich die Sicherheitsanlage unter dem Trotzenberg. Das Labyrinth besteht aus einem unterirdischen Stollensystem mit einer Gesamtlänge von 19.000 Metern; die unterirdische Fläche umfasst 83.000 Quadratmeter, der umbaute Raum 367.000 Kubikmeter. Unter anderem finden sich hierin 936 Schlafzellen, 897 Büros, fünf Großkantinen, fünf Kommandozentralen, fünf Sanitätsbauwerke, zwei Fahrradabstellhallen, eine Druckerei, ein Friseursalon sowie ein Raum für ökumenische Gottesdienste. Fünf völlig autarke Sektionen sollten ca. 3.000 Personen eine Lebensgarantie für 30 Tage gewähren. Ein unabhängiges System der Strom-, Wasser- und Luftversorgung sowie ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Nahrung und Gebrauchsgegenständen (allein 20.000 Ersatzteil-Artikel für die technischen Anlagen) bürgten für größtmögliche Autonomie.[iii]
Wenn die bloße Auflistung von Zahlen und Fakten eine Ahnung von der ungeheuren Monstrosität des nationalen Sicherheitswahns vermittelt, so bleibt die Imagination dessen doch merkwürdig ungeklärt. „Der Bunker ist nicht nur ein Un-Ort, er ist ein a-topischer Raum. Selbst als Phantasiefläche ist er kaum besetzt."[iv] Letztlich bleiben 25.000 Türen unvorstellbar.

Der Mythos der Unsichtbarkeit

In seinem Buch Risikogesellschaft weist der Soziologe Ulrich Beck auf eine signifikante Differenz der Anschauung hin: „Wo der Überfluss an Risiken den Überfluss an Reichtum bei weitem in den Schatten stellt, gewinnt die scheinbar harmlose Unterscheidung zwischen Risiken und Wahrnehmung der Risiken an Bedeutung."[v] Im Falle des Regierungsbunkers von Marienthal scheint es evident, dass die Vorstellungskraft nicht erst vor dem atomaren Krisenszenario versagt.[vi] Sie versagt bereits in dem Moment, in dem die staatlich initiierte und präventiv realisierte Reaktion auf den potentiellen Eintritt der Katastrophe vorenthalten wird. Das Tabu des Bunkers liegt folglich in seiner bloßen Existenz begründet. Seine Funktion als völlig autarker Schutzraum, seine labyrinthartige Gestalt und seine Positionierung unter Tage leiten sich letztlich von der Prämisse ab, eben nicht wahrgenommen zu werden. In Marienthal wurde über Jahrzehnte ein Mythos der Unsichtbarkeit inszeniert, über deren Motivation sich trefflich spekulieren lässt. Dass sich hinter der gezielten Mythisierung nicht nur militärisch-strategische Überlegungen verbergen, dokumentiert die absurd anmutende Geschichte des Regierungsbunkers nach der Deutschen Wiedervereinigung.

Am 8. Dezember 1997 stimmte das Bundeskabinett unter dem damaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther für die Schließung der nationalen Sicherungsanlage. Ihre Entsorgung scheiterte bislang ebenso wie der Versuch, aus einem geänderten Nutzungskonzept Kapital zu schlagen. Zwar wurde der Bunker zwischenzeitlich als Standort für ein Münzdepot, eine Technodisco, ein unterirdisches Erlebnishotel („Bunker-Wunderland") und eine Züchtung von Pilzkulturen in Erwägung gezogen.[vii] Wegen mangelnder Brandschutzvorrichtungen und zu hoher Folgekosten wurden diese Vorschläge allerdings nicht realisiert. Somit hat sich die Dienststelle Marienthal auch jeglicher zivilen Nutzung verweigert. Mit der Versiegelung und Schließung ist der Rückbau der Anlage in naher Zukunft definitiv abgeschlossen.[viii] Ein zuständiger Beamter der örtlichen Kreisverwaltung bemerkte lakonisch: „Die einstmals streng geheime „Anlage zur Landesverteidigung" ist im juristischen Sinne ein Nullum, sie existiert praktisch nicht."[ix]

Die Wahrheit des Möglichen

„Der Bunker ist anwesender und abwesender Mythos zugleich geworden: anwesend als für eine transparente und offene zivile Architektur abstoßendes Objekt, abwesend in dem Maße, in dem sich die Festung von heute woanders befindet, unter unseren Füßen, von nun an unsichtbar."

Bereits 1975 diagnostizierte der französische Denker Paul Virilio die zunehmende Unsichtbarkeit von Wehr- und Verteidigungsanlagen in seiner brillanten Analyse „Bunker-Archäologie"[x] Mit den Instrumentarien der Fotografie, Kartografie und Quellenanalyse gelang es dieser Studie noch, rückblickend die spezifische Struktur der rund 1.500 monolithischen Bunkeranlagen des Atlantikwalls aufzudecken. Inspiriert durch die Studien Virilios, sah sich Andreas Magdanz im Jahre 1998 durch eine Notiz im Handelsblatt über die Schließung der Anlage veranlasst, den Regierungsbunker in Marienthal fotografisch zu erfassen. Mit zäher Beharrlichkeit gelang es dem Aachener Fotografen, sich Zutritt in den streng gesicherten Wehrbereich zu verschaffen und in einem Zeitraum von sieben Monaten den östlichen Teil der Bunkeranlage zu dokumentieren.

Die vorliegende Gebäudemonografie vermittelt erstmals eine Anschauung der Dienststelle Marienthal. Der vormals entzogene Blick offenbart Wahrheiten jenseits der Sprache und faktischen Auflistung.[xi] Während das Tabu des atomaren Ernstfalls bereits in der kindlichen Strategie des Vergrabens offen zutage tritt, wird die konkret sichtbare Manifestation des Bunkersystems bis ins Detail vom Diktum des Konjunktivs gelenkt. Telefone, mit denen im atomaren Ernstfall der Kontakt zur Außenwelt aufrechterhalten werden kann (Aufschrift: „112"), sind noch in Plastik verpackt, Stühle sind auf Tische gestellt, Großküchen bleiben unbenutzt.

„Die Verteidigungsarchitektur ist ... eine instrumentelle, sie existiert weniger für sich selbst als im Hinblick auf „ein Machen": warten, wachen, dann handeln, oder eher: reagieren," bemerkte Paul Virilio.[xii]  In Abhebung zu den Bunkeranlagen des Atlantikwalls, die mit der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 zu historisch genutzten Bauten mutierten, deren Spuren noch heute erkennbar sind, ist die Spannung des Wartens, Wachens und Reagierens in Marienthal nicht eingelöst worden. So verharrt das architektonische Ungetüm in einem aberwitzigen Dornröschenschlaf mit dem ihm eigenen Horror. Die Bilder von Andreas Magdanz sezieren in der detailreichen Schärfe des Großformats eine unbehagliche Wahrheit des Möglichen. Das Warten auf die Apokalypse bildet sowohl den Ausgangs- als auch Endpunkt ihrer inhärenten Denkstrukturen.

In der gedanklichen Umkehrung des Finalen im Bestehenden, des Faktischen im Potentiellen liegt letztlich der Schlüssel für die Ideologie des Regierungsbunkers in Marienthal. Zu Beginn des Dramas Endspiel, dem treffendsten Kommentar der apokalyptisch geprägten Nachkriegsepoche, lässt Samuel Beckett seinen Helden Clov mit tonloser Stimme verkünden:

„Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende."[xiii]

Ein idealer Spielort wäre der Rosengarten.

 

Christoph Schaden, 2000

 

 

 

 

[i] Michael Preute: Der Bunker. Eine Reise in die Bonner Unterwelt, Köln 1989, S. 16ff.

[ii] Michael Winter: Im Rosengarten, Süddeutsche Zeitung 2.3.1999. Ich danke Tuya Roth aus Bonn für ihre Hilfe bei der Recherche.

[iii] Thomas Gehringer: Baden durfte nur der Präsident, Der Tagesspiegel 29.11.1998.

[iv] Peter Michalzik: Wie entsorgt man eine Regierung?, Süddeutsche Zeitung 1.9.1998.

[v] Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, S. 76.

[vi] Zur Verbildlichung der atomaren Katastrophe siehe die umfassende Filmanalyse von Ralf Leppin: Die postnukleare Endzeitvision im Film der achtziger Jahre, Köln 1997.

[vii] Harald Biskup: Champignonkeller oder Gruselkabinett? Die Zukunft des Regierungsbunkers, Kölner Stadt-Anzeiger 22.10.1998.

[viii] Anonym: Bunker der Bundesregierung wird entkernt und versiegelt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.2.1999.

[ix] Helmut Kniel, Kreisverwaltung, zitiert nach Rainer Schanno: Eine Hotelanlage tief unter den Ahrbergen, Bonner General-Anzeiger, 28.10.1999.

[x] Paul Virilio: Bunker Archäologie, München 1992, S. 46.

[xi] Die präzise Bildleistung der fotografischen Arbeiten von Andreas Magdanz spiegelt sich meines Erachtens pointiert in einem Zitat des französischen Schriftstellers Maurice Blanchot.

So besteht das Wesen des (fotografischen, Anm. des. Verf.) Bildes darin, ganz außen zu sein, ohne Intimität, und dennoch unzugänglicher und rätselhafter als die innere Vorstellung; ohne Bedeutung, doch zugleich eine Herausforderung der Unergründlichkeit jeden möglichen Sinns; verborgen und doch offenbar, von jener Anwesenheit-Abwesenheit, die die Verlockung und Faszination der Sirenen ausmacht.

Zitiert nach Roland Barthes: Die helle Kammer, Frankfurt am Main 1985, S. 117.

[xii] Virilio 1992, S. 43.

[xiii] Samuel Beckett: Endspiel, Frankfurt am Main 1957/1996, S. 11.

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