Andreas Magdanz. Camp Vogelsang

Die Burg

Der Sieg wird vor allem darin bestehen, dass man eine gute Fernsicht hat, alles aus der Nähe sieht und alles einen neuen Namen trägt.

Apollinaire

 

Sage niemand, er sähe nicht gut aus. Seine Krawatte sitzt nahezu perfekt, und selbst jetzt wollen die zurückgekämmten Haare, die mit ihrem sanft gewellten Grauschleier von der Souveränität eines Mittvierzigers zeugen, keinen Millimeter von der ihnen vorbestimmten Positur rücken. Alles scheint eine Stilfrage. Nur die deutlich verengten Augen und die Stirnfalte machen unmissverständlich klar, dass es gerade um Leben und Tod geht. Was für unseren Mann bedeutet, eine Grenzsituation in Sekundenbruchteilen zu erfassen, um den Feind vis-a-vis zu liquidieren. Nur wer Sieger ist, kann weiterleben.

Ein Bild mit unverhohlener Aggressivität steht zu Beginn dieses Buches. Die Irritation, die es auslöst, ist gewiss von Künstlerseite einkalkuliert, schließlich wird die Pistole direkt auf den Betrachter gerichtet. Mit anderen Worten: Wir sind das Zielobjekt. Befindet man sich in einem pubertären Spiel, scheint diese Bildprovokation mit dem bedeutungsreichen Titel „Target“ zu fragen, oder ist der Gegenstand der Betrachtung tatsächlich von einer existentiellen Bedeutung? Doch vor der Frage wird bereits eine andere Frage verhandelt, die im programmatischen Titel des Buchwerks leise, aber unverkennbar mitschwingt. Sein Umschlag verheißt in betont nüchternen weißen Lettern auf schwarzem Grund, worum es eigentlich gehen soll: Camp Vogelsang. Eine Begriffskombination, aus zwei Namen bestehend, die unterschiedlicher kaum ausfallen könnten: Englisch versus deutsch, Militär versus Natur, Funktion versus Idyll. In der Summe bilden sie zugleich eine merkwürdige Klammer, die genau dasjenige ausspart, was wohl unweigerlich assoziiert wird und in der nationalen Gedächtniskultur dieses Landes vor kurzem treffend mit dem Etikett des „bösen Ortes“ versehen worden ist. „Natürlich können Orte nicht böse sein. Und doch sind viele von ihnen mit Angst besetzt“, schreiben Stephan Porombka und Hilmar Schmundt jüngst über die erhalten gebliebenen NS-Stätten des Landes. „So befürchten die Anwohner oft, die ganze Region werde durch die Erinnerung mit einem Schandmal versehen, das die Mitmenschen abstößt. Und man fürchtet sich zugleich, einen Anziehungspunkt für die Ewiggestrigen und die neue rechte Szene zu schaffen. Zwischen diesen Ängsten hat sich vor Ort eine Art wildes Gedenken durchgesetzt, das eigenartige Blüten treibt.“[i] Auch für das Areal der ehemaligen „Ordensburg“ im  äußersten Westen der Republik ist 60 Jahre nach Kriegsende diese Blütenlese der Angst zu studieren, deren Psychologismen man mit den Schlagwörtern Mystifikation und Banalisierung, Verdrängung und Vermarktung nur unzureichend beikommen kann. Folglich hat auch der entlarvende Hinweis, dass unter den Nationalsozialisten, deren Elitepolitik ebenso gänzlich versagen sollte wie alles andere, unweit des Kermeters weder eine Burg errichtet noch eine Ordensgemeinschaft begründet wurde, keinerlei Folgen in der kollektiven Wahrnehmung. „Die Geschichte, die aus der Form fließt, wird ganz von dem Begriff aufgesaugt. Der Begriff ist determiniert, er ist geschichtlich und intentional zugleich; er ist das Motiv, das den Mythos hervorbringt“[ii], merkte einmal Roland Barthes an. Vielleicht bringt die Nennung der Ordensburg Vogelsang eben deshalb bis heute jenen unheiligen NS-Schauer hervor, der den selbstquälerischen Blick der Nation, die stets nur um sich selbst zu kreisen vermag, geradezu zwanghaft auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 lenkt.

Sinn und Form, Fülle und Leerstelle

Sollte man nochmals darauf hinweisen, wie jenes „Vogelsang“ gegenüber dem Kermeter seine Unschuld verlor und zu einem sog. ‚Ort des Bösen’ mutieren konnte? „Er vienc si bî der wîzen hant, er vuort si in daz vogelsang“, heißt es beseelt in der Carmina Burana, und auch die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm verweisen in ihrem etymologischen Wörterbuch noch auf jene Kraft eines heimatlich gelegenen Elysiums, von dem der Dichter Johann Ludwig Uhland einmal gewünscht hat: „begrabt mich unter breiter eich im grünen vogelsang.“[iii] Dass ausgerechnet in der Nordeifel diese Flurbezeichnung, die hierzulande seit dem Mittelalter tausendfach genutzt wurde, zu einem mythologisierenden Namensinstrument der Nationalsozialisten werden konnte, lag an recht eigentümlichen Umständen. Zu Beginn der 1930er Jahre beauftragt, einen geeigneten Ort für die Schulungsstätte ausfindig zu machen, hatte Clemens Klotz zunächst die Höhen des Siebengebirges bei Bonn im Visier. Nach eigenem Bekunden nahm der Kölner Bauarchitekt, der mit dem rheinischen Katholizismus verbunden war, von diesem Plan aber Abstand, „weil ich zu dem Kloster [Nonnenwerth, Anm. des Autors] auf der Insel eine persönliche Beziehung habe. Ich hatte es nämlich seinerzeit im Auftrag des späteren Kardinal Frings umgebaut, und wollte den Schwestern die Nachbarschaft einer NS-Ordensburg ersparen.“[iv] So ergab sich aus vorgeblichen Glaubensgründen eine Ausweichmöglichkeit auf die peripheren Anhöhen des Urftsees. Weil sich der Bauplatz mit dem Namen Vogelsang als zu klein erwies, entschied man, stattdessen das Schulungsgelände auf dem Nachbarberg zu errichten.[v] Der Name wurde indes beibehalten und im Zusammenklang mit der pseudohistorischen Folie, die die ‚Partei als Orden’ propagierte, zu einem höchst zweifelhaften Signum. Daran änderte auch wenig, dass Hubert Schrade, ein Architekturtheoretiker des Nationalsozialismus, 1937 zur nüchternen Feststellung gelangte, dass „die Gesamtanlage der Ordensburgen mit einer mittelalterlichen Burg nichts mehr zu tun“ hätte.[vi] Der Name der „Architekturkulisse“[vii] hatte sich längst verselbständigt.

Nicht allein Begriffe bedienen den Mythos, auch Bilder erschaffen ihn. Während das Siebengebirge am Rhein etwa durch die photographischen Landschaftsbilder von August Sander, der in der inneren Emigration in den Jahren des Nationalsozialismus bewusst den Weg zur Natur suchte, sein romantisches Image bis in die Gegenwart bewahren konnte, wandelte sich Vogelsang in eine bildhaft visionäre Perversion. Mit Hugo Schmölz war einmal mehr ein Kölner Fotograf beteiligt. Diesmal galt es allerdings, im Dienste der Machthaber ein virtuelles Bild des Gebäudekomplexes zu zeichnen. Gipsmodelle des Areals wurden von Schmölz etwa mit reichlich Pathos schwarz hinterlegt, Perspektiven mit handwerklicher Delikatesse ins Unendliche gerückt und die landschaftsästhetische Einbettung der NS-Anlage, die in der Tradition imperialer Mächte perfekt angelegt war, effektvoll überhöht. Seine Fotografien fungierten dann auch als Zudienerin jener plumpen megalomanen Ideologie, die unter anderem darin gipfelte, „die größte Sporthalle der Welt“ zu errichten. Das Resultat blieb Stückwerk und Katastrophe. All das ist heute bekannt, all das wurde dezidiert aufgearbeitet, all das scheint längst geklärt.[viii]

Dennoch wuchert in den Köpfen immer noch ein wildes Denken und man muss fragen, warum. Das Bedeutende des Mythos sei durchaus doppeldeutig, betonte Barthes. „Es ist zugleich Sinn und Form, einerseits erfüllt, andererseits leer.“[ix] Mit dem Tunnelblick auf die wenigen Jahre des sog. ‚Tausendjährigen Reiches’, der die jüngere politische Diskussion um die Nachfolgenutzung des geschichtsbelasteten Areals so maßgeblich bestimmt hat, geht zugleich eine Ausblendung einher. Das damals ist zwar allenthalben fokussiert und das davor ebenfalls Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden, das danach entwickelte sich aber zur eigentlich signifikanten Leerstelle. Die Belgier seien bis vor kurzem dort gewesen, heißt es oft lapidar. Dahinter verbirgt sich ein halbes Jahrhundert deutscher Besatzungs- und Stationierungsgeschichte und somit ein bedeutendes Kapitel binationaler Vergangenheit, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Das Camp Vogelsang, das 1950 nach den Briten vom kleinen demokratischen Nachbarstaat militärisch in Besitz genommen wurde, hat das weiträumige Terrain über Jahrzehnte besetzt, genutzt und in seinem Sinne eingerichtet. Der Zugang des NATO-Übungsgeländes unter Hoheit der belgischen Streitkräfte wurde über die Jahre und Jahrzehnte den Einheimischen verwehrt, 2005 räumte die alliierte Siegermacht ohne viel Aufhebens im geradezu wörtlichen Sinne das Feld. Zurück blieb eine Fehlstelle, weder Mythos noch nüchternes Dokument. Begriffe und Bilder fehlen dann auch bis heute.

Wider einer schonenden Wahrnehmung

Andreas Magdanz ist ein Meister darin, blinde Flecken der jüngeren deutschen Geschichte aufzuspüren und mit dem Instrument der Fotografie ins Visier zu nehmen. Seine aufwendigen Buchobjekte haben Örtlichkeiten ins öffentliche Bewusstsein gebracht, die allesamt mit einem nationalen Makel behaftet sind. Zur Jahrtausendwende veröffentlichte er unter dem Titel Dienststelle Marienthal eine Gebäudemonografie über den südlich von Bonn gelegenen ehemaligen Atombunker der Bundesrepublik Deutschland. 2003 folgte Auschwitz-Birkenau, eine Sichtung des Konzentrationslagers im Rahmen einer Hommage an die französische Intellektuelle Marceline Loridan-Ivens. Zuletzt erschien BND-Standort Pullach (2006), eine Begehung durch das streng abgeschirmte Areal des deutschen Auslandgeheimdienstes bei München. Vordergründig gewähren die fotokünstlerischen Bildbände von Magdanz jenen Grad der Erstorientierung, die eine vertiefende Auseinandersetzung erst möglich macht. Dabei bedeuten die verwendeten Strategien der Sichtbarmachung bei ihm stets auch eine Demontage jener klischeebehafteten Vorstellungen, die vordem untrennbar mit den spezifischen Örtlichkeiten verwoben waren. „Der scheinbar stoische Blick seiner Kamera auf das banal Gegenständliche beunruhigt und verstört. Das Geheimnisvolle, das solchen Orten zugesprochen wird, ist auch ein Schutz“, schrieb Eckhard Fuhr. „Wir halten sie so auf Distanz. Diese Möglichkeit der uns schonenden Wahrnehmung wird uns durch Magdanz’ Fotografien genommen.“[x] Der Arbeit des Bilddokumentaristen wird zu Recht ein aufklärerischer Impuls attestiert, nicht zuletzt, weil ein „Mythos aus der Hand“[xi] gegeben wird.

Es ist wohl wenig erstaunlich, dass eine solche künstlerische Selbstverpflichtung ihren Nukleus in den teils verdeckten Folien der NS-Zeit findet. Nicht nur das Jahrhundertmenetekel Auschwitz ist davon berührt. Durch die Projektarbeit von Andreas Magdanz rückte in der Öffentlichkeit beispielsweise erst ins Bewusstsein, dass während des Zweiten Weltkriegs die Tunnelröhre der späteren Atombunkeranlage an der Ahr dazu genutzt wurde, geschützt vor den alliierten Luftangriffen V1- und V2- Raketen zu montieren. In Pullach wiederum diente das ummauerte Gelände des Bundesnachrichtendienstes vormals als Wohnsiedlung für die SA. Als Auftraggeber und Bauherr trat Martin Bormann auf, die Siedlung trug zwischenzeitlich den Namen „Im Sonnenwinkel“. Es sind jene Brüche und Kontinuitäten zu den Jahren vor 1945, die der Fotograf mit seiner Bildarbeit wie unter einem chirurgischen Eingriff messerscharf seziert.

Als Andreas Magdanz im Jahre 2003 von der geplanten Schließung des Truppenübungsgeländes Camp Vogelsang erfuhr, richtete er an die entscheidungsgebende Kommandantur die Anfrage, „die belgische Zeit“ dieses Ortes bildhaft zu dokumentieren. Auf Nachfrage berichtet er, dass erst mit der nahezu uneingeschränkten Erlaubnis, sich auf dem militärisch genutzten Terrain zu bewegen,  - auch zu Zeiten der Militärübungen - eine schrittweise Erkenntnis verbunden war, „die Realität“ Vogelsang als weitaus mehr zu begreifen als aus ihrer Bezugsfolie des Dritten Reiches. Der vorliegende Band ist denn auch das Resultat einer alternativen Standorterkundung, die sich der komplexen Wesenheit des Areals in drei Parametern zu öffnen versucht. Man mag sie verstehen als eine Triade: Architektur, Militär, Natur. In ihrer gegenseitigen Durchdringung formen sie eine visuelle Matrix, die den Gegebenheiten von Vogelsang weitaus gerechter wird als ein Tunnelblick auf die NS-Zeit.

Großes Kino

Schon bei der Erstlektüre dieses Buches wird unmissverständlich klar, dass eine Sichtung des Terrains nicht durch eine simple lineare Erzählweise geleistet werden kann. Vielmehr bildet die Heterogenität der gewählten Perspektiven, Zeiten und Räume die bestimmende Grundstruktur der Bilder, die bei Magdanz in offenkundiger Montagetechnik miteinander verzahnt werden. Im Prolog scheint die Erkundung des Geländes noch narrativ angelegt. Ein Farbbild mit Blick auf die menschenentleerte Zubringerstraße Avenue Albert gibt den Blick geradezu vor in Richtung auf den historischen Kern des Militärareals, da darf der wolkenleere Himmel ruhig einmal blau erscheinen. Doch so einfach ist es nicht. Die anschließende Bildkonfrontation mit Wohnbaracken, die als triste Provisorien aneinandergereiht worden sind, sowie mit sequentiellen Aufnahmen eines Panzergefährts, das seitlich aus dem Blickfeld verschwindet, schafft schon zu Beginn einen hohen Grad an Desorientierung und wirft gezielt die Frage auf, in welcher Zeit und auf welchem Terrain man sich eigentlich bewegt. Ein Hinweisschild mit der Aufschrift TANK TRACK mag nur wenig hilfreich sein. Die Bilderfolge changiert bei Magdanz motivisch wie atmosphärisch in präziser Balance zwischen Farbe und Schwarzweiß, zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem, zwischen Fülle und Leere. Hierbei bilden die Relikte aus der ‚Zeit der Ordensburg’ nur eine Marginalie, sie markieren allenfalls noch als abgenutzte Folie ihres späteren Gebrauchs durch die belgischen Streitkräfte. Braune Ledersessel überdauern etwa im Offizierskasino St. Joris, und der Innenhof der so genannten Krypta, jenes Kinosaals, der in den 1950er Jahren errichtet wurde auf den verbliebenen Fundamenten des Haus des Wissens, offenbart auf seinem Außenputz zahlreiche Vernarbungen. Drinnen mag weiterhin großes Kino laufen, auf den Toiletten nebenan findet sich ein ganzes Arsenal an Sprengmunition. Die Chiffren militärischer Abnutzung bilden denn auch die Oberflächentextur der Bilderfolge. Folgen mag man ihr nicht und dennoch tut man es. Nicht zuletzt, weil gerade die Unwirtlichkeit der Anlage von einer gewissen pittoresken Sogkraft ist, in der wiederum eine Botschaft eingeschrieben scheint: Ideologien, gleich welcher Art, sind hier nicht relevant, dagegen herrscht das Militärdiktat eines nüchternen Pragmatismus. Unter den Angehörigen der belgischen Streitkräfte kursierte das geschichtsbelastete Architekturerbe nur als „die Burg“. Keine Frage, man tat hier, so gut es eben ging, seinen Job.

Narbungen

Camp Vogelsang ist ein Bildband, der über Umwege einen NS-Mythos zerlegt, indem es ihn zu einem beiläufigen Moment mutieren lässt und in der Summe zugleich eine ganz andere Hohlstelle bereithält. Im Zentrum des Buches steht nicht zufällig die verlassene Ortschaft Wollseifen, die die belgischen Streitkräfte bereits als Wüstung vorfanden. Das einst evakuierte Dorf auf der benachbarten Dreiborner Hochfläche generiert sich als ein gottverlassener Schauplatz, der allein noch für militärische Übungseinsätze des Straßenkampfes nutzbar ist. Die vorgefundenen Architekturen konterkariert Andreas Magdanz mit dokumentarisch anmutenden Aufnahmen von militärischen Übungseinsätzen, die in ihrer Figurenanlage allzu bizarr stilisiert werden. Was wird hier gespielt, scheint diesmal die Frage. Dabei fällt das Absurde des Krisenszenarios, in dem der Guerillakampf erprobt wird, nur allzu deutlich ins Auge. Fensterlose Bauten einer Siedlung etwa, die eigens für den Guerilla errichtet wurde, zeigen Brandmale, ein Auto steht plötzlich in Flammen und ein überdauertes Reihenhaus mit der Hausnummer 42 erinnert unweigerlich an Medienbilder aus dem Kosovo. Die Alldominanz des Militärischen ist nahezu physisch spürbar, allein eine entweihte mittelalterliche Pfarrkirche in umnebelter Unschärfe, die vormals den Namen des Pestheiligen St. Rochus trug, darf ihre Würde bewahren.

Folglich sind jene Vernarbungen, die in Vogelsang mit der Einverleibung sämtlicher Lebensräume durch die Jahrzehnte andauernde militärische Nutzung einhergingen, auf jeder Seite dieses Buches trefflich zu studieren. Sie offenbaren sich vor allem in den Naturaufnahmen, die Magdanz doppelseitig ins Panorama setzt, um die Oberfläche aus gebotener Distanz von oben ins Visier zu nehmen. Erst aus der Vogelperspektive zeugen die Schneisen und provisorischen Wegeleiten der Panzerfahrzeuge von Malträtierungen und Verkrustungen der naturhaften Areale. Wie man heute weiß, bedingte aber gerade die Hermetik des Militärgeländes einen Schonraum für die Flora und Fauna, die wiederum zur Ressource des heutigen Nationalparks werden sollte. Andreas Magdanz zollt auch dieser ambivalenten Erkenntnis Tribut, indem er die ungeheure Schönheit der Landschaft durchscheinen lässt. Auch die Natur braucht Zeit für Heilung.

Zugegeben, er sieht nicht mehr wirklich gut aus. Seine Krawatte sitzt zwar weiterhin perfekt wie seine zurück gekämmten Haare, doch sein Anzug ist durchlöchert von mehr als ein Dutzend Einschusslöchern, alle fehlerhaft kaschiert. Immerhin steht unser Mann noch aufrecht. Mehr Schweiß, weniger Blut, heißt es auf der Gegenseite. Die Botschaft ist evident. Der Sieg wird darin bestehen, weiter zu leben.

Christoph Schaden, 2010

 

[i] Stephan Porombka, Hilmar Schmundt (Hg.), Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung – heute, Berlin 2005, S. 11.

[ii] Roland Barthes, Mythen des Alltags, Frankfurt am Main 1964, S. 98.

[iii]Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch,  Bd. 26, Leipzig 1951, Sp. 420.

[iv] Petra Leser, Der Kölner Architekt Clemens Klotz (1886-1969), Dissertation, Köln 1991, S. 187.

[v] Ebd.

[vi]Zit. nach  Leser 1991 [Anm.4], S. 206.

[vii] Ruth Schmitz-Ehmke, Die Ordensburg Vogelsang. Architektur. Bauplastik. Ausstattung, 2. erw. Aufl., Pulheim 2003, S. 9.

[viii] Siehe beispielhaft die Publikation von Franz Albert Heinen, Vogelsang. Von der NS-Ordensburg zum Truppenübungsplatz in der Eifel. Eine kritische Dokumentation, Aachen 2002, sowie die Website www.lernort-vogelsang.de.

[ix] Barthes 1964 [Anm.2 ], S. 96.

[x] Eckhard Fuhr, Keine Menschenseele in Pullach. Der BND produziert zwar immer noch Affären, aber der Fotograf Andreas Magdanz hat ihn längst in Kunst verwandelt, DIE WELT, 16.5.2006, S. 29.

[xi] Christian Geyer, Ein vom Leerstand bedrohter Traum. Der Geheimdienst gibt seinen Mythos aus der Hand: Andreas Magdanz fotografiert die BND-Zentrale in Pullach, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.5.1996, S. 43.

 

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