Andreas Gefeller

Kein Mast. Ein Bühnenboden

Ein Gedanke zur Motivik in den Bildern von Andreas Gefeller

If I don’t go I’ll have to wire my mother.

Natsume Soseki, in: Sanshiro, 1908.

 

Ein Fotograf war einmal zu Gast in einem Land, das er zwar schätzte, in dem er sich aber nicht sonderlich gut auskannte und dessen Sprache er nicht verstand. So hatte sein Gastgeber vorsorglich einen Bekannten gebeten, dem Fotografen beiseite zu stehen, damit er die Örtlichkeiten für seine Motive auch ausfindig machen könne. Als der Aufenthalt des Fotografen zu Ende ging, erbat sich jener hilfsbereite Mann von ihm als ein kleines Zeichen des Dankes eine fotografische Aufnahme seiner eigenen Behausung. Es handelte sich um ein altes Theater, das er seit Jahren betrieb. Der Fotograf schaute etwas verschämt zu Boden, als er mit der bescheidenen Bitte konfrontiert wurde. Erst in diesem Augenblick bemerkte er den Bühnenboden, der von zahlreichen Aufführungen abgenutzt war und von anderen Geschichten erzählte. Und er verstand.

In einer solch simplen Erzählung hätte wohl noch ein Mensch des 19. Jahrhunderts den Erkenntnisgewinn eines Bildes von Andreas Gefeller, das sich programmatisch gleich zu Beginn dieses Bandes findet, in Worte zu fassen versucht. Dass sich in den künstlerischen Aktions- und Reflexionsfeldern unserer Gegenwart eine derartig narrative Sinnschöpfungsstrategie verbietet, steht außer Frage. Dennoch artikulieren sich in ihr Relikte eines Weltverständnisses, das gerade deswegen einen Reiz ausübt, weil es noch mit dem sentimentalen Versprechen aufwartet, im Bild überhaupt Sinn einzulösen. Längst ist dieses Versprechen, wie wir wissen, obsolet geworden. What Do Pictures Want? heißt in diesen Tagen die Grundsatzfrage, die nach dem Medientheoretiker W.J.T. Mitchell radikal neu gestellt werden muss. Die Frage allein beweist schon: Mehr Zweifel ist nicht möglich. Da mutet das Moment von Sinnhaftigkeit an wie ein anachronistischer Reflex.

Markanterweise kommt man in den Arbeiten von Andreas Gefeller nicht umhin, im Zuge der Anschauung Sinnkonstruktionen auszumachen und mitunter auch als Resultat einer Erfahrung zu begreifen. Denn eins ist gewiss: Wir sehen. Und wir werden gleichsam auf physische Weise gewahr, dass wir sehen. (Um zugleich zu registrieren, dass andere Motive uns vorenthalten werden). Ein solch aktivierender „Modus Videndi“ ist allen Arbeiten der Japan Series sorgsam eingeschrieben. Auf gleich mehreren Ebenen stellen die Bilder des Projekts dann auch zur Disposition, inwieweit das Sehen selbst eine Frage der Orientierung sei. Eine Frage des Standortes. Und eine Frage der Blickrichtung. Und nicht zuletzt, welche Geschichten noch erzählt werden können. Es handelt sich um ein Kalkül, in dem mehr steckt als eine künstlerische Selbstvergewisserung. Denn weil die Bilder uns ihren visuellen Wahrnehmungsmechanismus nicht verhehlen und sich als Artefakte eindeutig zu erkennen geben, fordern sie mit Nachdruck, den Gegenstand der Betrachtung ernst zu nehmen. Eben nicht nur als Artefakt. Sondern auch als Motiv.

Konkret sehen wir uns etwa mit Kabeln konfrontiert, in mehreren Aufnahmen lotrecht von unten fotografisch erfasst und sorgsam zu einem Bild montiert- ein Geflecht von Linien und Verknotungen, das sich vor der monochromen Folie eines Himmels zunächst wie eine abstrakte Komposition gebärdet. Doch wir sehen keinen Strommast. Und wir sehen auch nicht, was diese merkwürdig schwebenden Kabel transportieren. Welche Energie. Welche Information. Und welche Geschichten. »Die Vorstellung, Botschaften müssten durch Kabel gezwängt werden, hängt mit einer Metapher zusammen, die aus der Hydraulik, vielleicht gar aus dem Schiffswesen stammt und sich rasch als vorherrschende Metapher für die Funktionsweise dieser neuen Technologie durchsetzte.« So beschrieb Klaus Krippendorf im Jahre 1994 noch die metaphorische Entwicklung der Kommunikation in seinem Essay Der verschwundene Bote. Im Zeitalter des Wireless ist uns selbst diese bildhafte Vorstellung abhandengekommen. Ein Verlust, der keineswegs nur einen Kontrollverlust bedeutet. Die Leitungen sind buchstäblich gekappt worden. Allein das wäre noch zu erzählen. In den Bildern von Andreas Gefeller mag einzig die quadratische Form Halt geben, genau ein Meter mal ein Meter misst sie. Poles hat der Künstler seine Serie genannt. Ein Begriff, der auf das fehlende Element der Strommasten verweist, aber auch auf die beiden magnetischen Referenzpunkte der Welt. Sie entziehen sich einer bildhaften Vorstellung und ziehen uns gleichwohl an.

What Do Pictures Want? Man mag den Japan Series von Andreas Gefeller eine formale Virtuosität attestieren, die sich mitunter gar ins Kalligrafische ausweiten. Was sie erzählen, ist eine andere Geschichte.

Christoph Schaden, 2011

Andreas Gefeller

Text erschienen in:

Andreas Gefeller. The Japan Series

Ostfildern 2011, S. 14-15

 

Der Band wurde mit dem Deutschen Fotobuchpreis Gold 2012 ausgezeichnet.

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