Thekla Ehling. Sommerherz, später

Sommerherz, später

Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse, schwermüthige, überselige:  wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Kühle!

Friedrich Nietzsche


Eine Jahreszeit, ein Organ. Zusammengefügt zu einem Wort, das lediglich drei Silben benötigt und dennoch einen eigenen poetischen Klang erzeugt: Sommerherz. Es ist ein Kunstwort, das viel verheißt, und in seiner Konklusion fast zwangsläufig mit jenen schwelgerisch erlebten heißen Juli- und Augusttagen der Kindheit verbunden ist, die sich fest in der Erinnerung eingebrannt haben. Ein höherer Pulsschlag ist ihnen eigen.

Sommerherz: Eine eindringliche Erinnerung, ein Versprechen also, vielleicht auch eine Aufgabe, die Schmerzen bereitet. Wer sich nämlich aufmacht, im Erwachsenenalter nach der Dichte des Lebens zu suchen, kommt nicht umhin, den Blick auch auf die eigenen frühen Lebensjahre zurückzuwenden und jene kindlichen Erfahrungswelten wachzurufen, in denen alles von einem Zauber des ersten Mals durchdrungen war. Es war ein Zauber, der auch ein Stachel sein konnte. „Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie die Kindheit“, bemerkte einmal Astrid Lindgren, um sogleich eine kollektive Entwicklungsaufgabe der späteren Lebenszeit zu benennen. „Wir Großen sollten uns daran erinnern, wie das war.“ Heutzutage, da das gesellschaftliche Konstrukt der Kindheit in einer verkürzt naiven Weise auf ein Mysterium der Intensität reduziert wird, kann eine solche Rückbesinnung zur verzerrenden Projektionsfläche werden. Kind sein changiert rückblickend meist zwischen Glorifizierung und Tabu, Sehnsuchtsfolie und surrealem Trauma. Dermaßen aufgeladen, ist eine Bewältigung der eigenen kindlichen Identität, die so prägend werden sollte, erst in einem Zerrspiegel möglich, den die Erinnerung bereithält. Es ist ein Spiegel, der etwa beim Durchblättern des ersten Photoalbums jene Bilder des eigenen Ichs zeigt, die in der Rückbetrachtung meist wie Leerstellen empfunden werden. Ein Verlust ist ihnen inhärent. Was war, bleibt befremdlich, was ist, nicht erklärbar. Zu Beginn ihres Romans Kindheitsmuster schreibt Christa Wolf: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ 

Mir fehlt etwas im Herzen

Sommerherz ist der Titel eines limitierten Fotobuchs, das die in Köln lebende Portraitfotografin Thekla Ehling 2007 herausgegeben hat. Eigentlich sollte der Band einen anderen Namen tragen, betont sie bei einer ersten Begegnung. “Es fehlt etwas im Herzen“, habe ihre Tochter einmal in einem Moment gesagt, als sie das erste Mal Wehmut verspürte. Ein kindlicher Verlust, der damals physisch erlebt wurde, und später als Leitmotiv des Fotoprojekts dienen sollte. Über mehrere Jahre begleitete Ehling ihre beiden Töchter und deren Freunde und nutzte behutsam den vertraulichen Umgang, um deren innere und äußere Erlebniswelten zu erkunden. Zu ihrer Verwunderung wurde sie dabei mit den Bildern ihrer eigenen Kindheit konfrontiert. Etliche Déjà Vu’s habe es gegeben, betont die Porträtfotografin, was nicht nur an dem Umstand lag, dass in jener Zeit der Retro-Look der 70er Jahre wieder aufkam. Sie fand vielmehr Bilder, die sich längst auch in ihrer Erinnerung eingebrannt hatten. Es waren Bilder voller Fragen. Wer war ich damals? Wer bin ich heute?

Befragt nach der eigenen Kindheit, erzählt Thekla Ehling von ihrer Zeit des Heranwachsens in einer ländlichen Umgebung von Bielefeld in Westfalen. Damals habe man sich zusammengerottet, die Welt der Kinder war eine eigene, Erwachsenen blieben außen vor. Später, im Alter von Mitte zwanzig, habe sie einmal als Betreuerin bei einer Zeltlagerfahrt am Vogelsberg teilgenommen und sich gewundert, dass bei den Kinderfreizeiten sich so wenig verändert habe. „Die Welt existierte einfach so weiter“.

Nach einer abgebrochenen Buchbinderlehre erlernte Ehling die Fotografie in Dortmund bei Gisela Scheidler und Arno Fischer. Von beiden habe sie viel gelernt, betont sie. Fischer, der immer aus Berlin anreiste, kam einmal mit einer beeindruckenden Bildermappe vorbei. Sie stammte von Margrit Emmerich, erinnert sie sich, und Fischer hatte die Bilder noch abfotografieren können, bevor die Fotografin in den Westen flüchten konnte. Ihr Thema behandelte die Phase der Pubertät. Immer klarer wurde damals der Studentin, dass auch sie von dem Thema nicht los kam. In ihrer Diplomarbeit widmete sie sich dann auch der Dokumentation mehrerer Jugendclubs in Berlin und Köln. Sie trug den bezeichnenden Titel „Zwischen Zeit Raum“. 

I’m there in all of them

Vordergründig bedient Thekla Ehlings Sommerherz ein reichlich bestelltes Genre der Fotografie, zumal in dem technisch geprägten Medium schon im 19. Jahrhundert die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Fleisch und Blut gesucht wurde. Im Jahre 1865 nahm etwa Julia Margaret Cameron in einer sequenzartigen Bilderfolge ihr schlafendes Enkelkind Archie auf. Sie nutzte später das intime Motiv als Vorstudie für religiöse Darstellungen der heiligen Familie. Für die Gegenwart sind vor allem Susan Andrews und Robin Grierson aus Großbritannien sowie Nicholas Nixon und Sally Mann aus den USA zu nennen, die in betont situativen Settings eindringliche Innenbilder ihrer Kinder festzuhalten vermochten. Die Bildbände Family Pictures und Immediate Family der beiden US-Amerikaner gehören denn auch zu den bibliografischen Meilensteinen einer reflektierenden Binnensicht der Familie, die im Fokus auf das eigene Kind das komplexe Verhältnis von Identität, Nähe und Distanz auslotet. Zu den Einsichten solch intimer Sichtungen zählt, dass der Photographierende in seiner individuellen Verortung im Gefüge der Familie keineswegs außen vor steht. So wurde Araki beim Anblick eines Bildes seiner sterbenden Frau Yoko bewusst, „that photographers have to love their subject“. Und Lee Friedlander fasste zusammen, was wohl erst in Hinblick auf die geliebten Menschen seiner Umgebung evident wird. „I’m there in all of them.“

Man merkt Sommerherz an, dass Thekla Ehling die spezifischen Prämissen der Familienfotografie seit langem verinnerlicht hat. Sie selbst nennt die beiden niederländischen Porträtfotografinnen Hellen van Meene und Rineke Dijkstra als Referenzen. Es ginge ihr im Porträt letztlich darum, dem Gegenüber gerecht zu werden, betont sie, und es sei dabei irrelevant, ob es sich um Erwachsene oder Kinder handele. Schließlich erwähnt Ehling, dass ihr eigenes Lieblingsbuch Robert Franks retrospektiver Bildband The Lines of my Hand sei, der über Jahre hinweg Auflagen in verschiedenen Versionen erfuhr. Unwillkürlich denkt man an jenen tödlichen Flugzeugabsturz von Franks Tochter Andrea im Jahre 1973, die den Fotografen zu einer intensiven künstlerischen Trauerarbeit veranlasste. Dann starb auch sein Sohn Pablo. Doch von Trauer ist in Ehlings Bildern wenig zu spüren. „Wehmut kann lächeln, Trauer kann es nicht“, rezitiert sie spontan ein Sprichwort.

Leere Blicke

Es ist vielleicht die leichte Melancholie dieses Sinnspruchs, die den atmosphärischen Grundton von Sommerherz am besten erfasst. Ehlings Bilder zeigen oft Momente der Vereinzelung, in denen eine junge Seele fast tranceartig in sich zu blicken scheint. Es sind leere Blicke, in denen offenkundig ein aktuelles Ereignis abgeglichen wird mit dem bisher Erlebten. Inwieweit jene Mechanismen des Unbewussten mit der Findung der eigenen Identität verbunden sind, lässt Ehling betont offen. Der Stoffhase bleibt jedenfalls fest in Kinderhänden umklammert. Dass in den frühen Lebensphasen alles im Fluss ist, spiegeln eindringlich die vorgefundenen Szenerien des Alltags. Herabfallende Regentropfen an der Fensterscheibe trüben den Blick nach draußen, Schneeflocken verheddern sich unspürbar in langen Haaren und ein Planschbecken lockt auf der grünen Sommerwiese. Ehling findet immer wieder Motive einer fragilen Verankerung, die in naturnahen Momenten eine fast mythische Verdichtung erfährt. Kindheit, so scheint es, ist bei ihr eine Frage der Temperatur.

In jenem intensiv erfahrenen Zyklus der Jahreszeiten, dem Sommerherz die Struktur gibt, stellt sich die Frage nach dem Woher und Wohin fast zwangsläufig in einer existentiellen Dimension. So beginnt und endet die Bilderfolge mit jeweils zwei Schwarzweißbildern, die einen menschlichen Bauchnabel zeigen. Im Omphalos, so suggeriert der Bildband zumindest, liegt der zentrale Kern der kindlichen Identität verortet.

So sein lassen 

Am Ende des Gesprächs sieht sich Thekla Ehling mit der Frage konfrontiert, wie denn ihre Kinder auf die Bilder reagiert hätten. „Sehr unterschiedlich“, sagt sie, um vom sensiblen Verhältnis von Nähe und Distanz zu erzählen, die das Porträtieren der eigenen Kinder bereithält. Während eines Urlaubs in Irland habe ihr die ältere Tochter beispielsweise einmal verwehrt, sie von vorne zu fotografieren. Natürlich habe sie das akzeptiert, sagt Ehling, schließlich gelte es, die Kinder so sein zu lassen.

Ein Bild, das damals entstand, zeigt das Mädchen inmitten der grünen Insellandschaft, den Blick ins Weite gewendet. Der Himmel ist blau, nur wenige Wolken sind sichtbar. Ihre Hand sucht Halt an einem Drahtzaun.

Christoph Schaden, 2007

Syndicate content