Der ehem. Annenaltar in Euskirchen

Das Retabel des ehemaligen Annenaltars in St. Martin, Euskirchen — Ein Nachtrag

 

Zur Gruppe der weniger als ein Dutzend namentlich fassbaren „Antwerpener Manieristen“, denen ein Werk zugeordnet werden kann, zählt Adrian van Overbeck, dessen reiches malerisches Schaffen in den letzten Jahren insbesondere durch die Forschungsarbeiten von Godehard Hoffmann profiliert werden konnte.[i] Neben dem sogenannten Annenaltar in Kempen gehört ein Antwerpener Schnitzaltar, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts für die Pfarrkirche St. Martin der rund 35 Kilometer südlich von Köln gelegenen Stadt Euskirchen angefertigt worden ist, zu den Auftragsarbeiten Overbecks, die motivisch das legendarische Leben der Mutter Mariens entfalten.[ii] Im Rahmen einer Dissertationsschrift, die im Jahr 2000 erschien, gelang es dem Verfasser, die wechselvolle Geschichte des Euskirchener Annenretabels weitgehend aufzudecken und dessen ursprüngliche Gestalt zu rekonstruieren.[iii] Demnach verblieben zwar der Figurenschrein und die Skulpturengruppen des Schnitzaltars in der Martinskirche, jedoch wurde ein Großteil der gemalten Altarflügel 1817 von dem westfälischen Adligen Graf Werner Moritz Maria von Haxthausen erworben. Im Jahr 1826 gelangten die Tafeln als Teil der Kunstsammlung Haxthausen zwischenzeitlich in das städtische Museum in Köln, wo sie von dem damaligen Konservator Matthias De Noël inventarisiert wurden.[iv] Wenngleich sich mit der schrittweisen Weggabe der Sammlung aus dem Wallrafianum die Spur der Tafeln aus den Augen verliert, konnten dank der von De Noël erstellten Liste, der neben Motivangaben auch Größenmaße festgehalten hat, über photographische Abbildungen aus dem Nachlass des Kunsthistorikers Max J. Friedländer mehrere verschollene Flügelmalereien dem Euskirchener Annenretabel und der Werkstatt des Adrian van Overbeck zugeordnet werden.

Nach Abschluß und Veröffentlichung der Forschungsarbeit gelang es, über das Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie in Den Haag und die Recherchen von Godehard Hoffmann und Peter van den Brink für mehrere der verschollenen Altartafeln den heutigen Aufenthaltsort zu ermitteln.[v] Die Ergebnisse, auf deren Basis eine ergänzte Rekonstruktion des Euskirchener Annenretabels vorgenommen werden kann, seien im Folgenden zusammengefasst.

Bereits 2001 konnte der Verbleib einer Tafel, die die apokryphe Szene der Weissagung Emerentias illustriert, in der Schweizer Privatsammlung Dr. Hans Jürg Brumann, Zug, ermittelt werden.[vi] Dessen Vater hatte die Altartafel im Dezember 1949 von der Züricher Galerie Bollag erworben.[vii] Aufgrund übereinstimmender Größenangaben, stilistischer Kongruenz und des äußerst seltenen Bildmotivs ist eine Zuordnung zu Objekt Nr. 7 der Haxthausenliste gesichert, für die De Noël „2 Mönche und eine Jungfrau an einem Baum, worin ein Engel sitzt“, notierte.[viii]

Eine zweite Altartafel, von der im Bildnachlass Max J. Friedländers keine Abbildung vorhanden war, konnte von Godehard Hoffmann im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg aufgespürt werden: Ein Altarbild, das im 1997 erschienenen Bestandskatalog des Museums als „Zwei Frauen mit Kindern, Antwerpen 1510/1520“ aufgeführt ist, konnte er aufgrund derselben Kriterien mit Objekt Nr. 8 der Haxthausenliste von 1871 identifizieren, dessen Darstellung eine „lesende und fruchtreichende Jungfrau mit Engelchen“ vorsah.[ix] Es handelt sich um das Motiv der legendarischen Marienschwester Kleophas, das ursprünglich als Teil einer mehrteiligen Heiligen Sippe fungierte.[x]

Die Lokalisierung zweier weiterer Tafelbilder, von denen bislang allein Schwarzweißabbildungen überliefert waren, gelang Peter van den Brink. Es handelt sich um die zwei ursprünglichen Außenseiten des Annenretabels, die die zentrale Figurengruppe der heiligen Familie sowie Maria Salome zeigen.[xi] Beide Tafeln befinden sich derzeit im Besitz der Sammlung De Clercq, Seattle.[xii]

Schließlich wurde am 9. Dezember 2005 ein Altarbild, das den Tempelgang Marias zeigt, im Münchner Auktionshaus Hampel versteigert. Im Auktionskatalog fand sich der Hinweis auf das rückseitig mit Schablone angebrachte Kürzel „WAR 483“ [seltsam – nicht: WRM ?] – eine alte (später veränderte) Inventarnummer des Wallraf-Richartz-Museums in Köln.[xiii] Laut Bildakte wurde das entsprechende Werk des „Meisters des hl. Agilolfus“ im Jahr 1944 für 3.000 Reichsmark veräußert.[xiv] Zu diesem Zeitpunkt wurde die Herkunft der Tafel bereits kontrovers diskutiert, denn 1942 hatte Wolfgang Stechow ihre Zugehörigkeit zum sogenannten Agilolfusaltar angezweifelt, einem Hauptwerk der Antwerpener Altarschnitzkunst des 16. Jahrhunderts, das ursprünglich in der Kölner Stiftskirche St. Maria ad Gradus aufgestellt war.[xv] Im ersten Bestandskatalog des Museums von 1862 wird die Marienszene der Sammlung von Ferdinand Franz Wallraf zugeordnet; in dem von de Noël erstellten Verzeichnis der von ihm der Stadt Köln vermachten Gemälde [?] von 1825 ist sie allerdings nicht aufgeführt.[xvi] Zwar läßt sich eine einstige Zugehörigkeit zur Sammlung Werner von Haxthausen nicht nachweisen, doch sprechen Größe, Motiv und stilistische Ausführung für Euskirchener Herkunft.[xvii]

Eine rekonstruierende Zuordnung der beiden bildlich neu nachweisbaren Malereien zum Euskirchener Annenretabel belegt die ikonographische Konzentration auf die Annenlegende.[xviii] Aufgrund der seitlichen Ausrichtung der weiblichen Hauptfigur ist die Kleophastafel auf der linken Werktagsseite zu platzieren, als Teil einer sechs Bilder umfassenden „Heiligen Sippe“. Demgegenüber ist der „Tempelgang Mariens“ wegen des narrativen Sujets auf der Innenseite des rechten Flügels verortbar, da die Festtagsöffnung in insgesamt zehn Darstellungen die Emerentia-, Annen- und Marienvita illustriert. In der narrativen Abfolge bildet die Tempelgangszene den Schlusspunkt; sie ist demzufolge an die rechte äußere Seite zu rücken. Mit einer Szene aus der Kindheit der Gottesmutter verweist die Darstellung wiederum auf das zentral positionierte Hauptmotiv der Heiligen Sippe, die im Schrein und auf den Flügelaußenseiten signifikanterweise doppelt erscheint. Somit folgt das Euskirchener Retabel – wenn auch in Variation – dem Kempener Annenaltar, indem es den spätmittelalterlichen Annenkult durch ein bezugsreiches Geflecht von genealogischen und narrativen Elementen verdichtet.[xix]

Christoph Schaden, 2007

 

[i] Siehe zuletzt Godehard Hoffmanns biographische Zusammenfassung zur Person des Adrian van Overbeck in: ExtravagAnt! Een Kwarteeuw Antwerpse Schilderkunst Herontdekt /1500-1530, Ausstellungskatalog Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen, 15.10.-31.12.2005, Bonnefantenmuseum Maastricht 22.1.-9.4.2006, Antwerpen 2005, S. 224. Zur Problematik des [von Max J. Friedländer geprägten?] Begriffs „Antwerpener Manieristen“ siehe ...

[ii] Ders., Der Annenaltar des Adrian van Overbeck in Kempen. Legende und Ikonographie in vorreformatorischer Zeit. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, H. 198, 1995, S. 89-109; ders., Der Annenaltar des Adrian van Overbeck in der Propsteikirche zu Kempen — Werk und Werkstatt eines Antwerpener Manieristen, in: Wilfried Hansmann/Godehard Hoffmann, Spätgotik am Niederrhein. Rheinische und flämische Flügelaltäre im Licht neuer Forschung, Köln 1998, S. 117-291.

[iii] Christoph Schaden, Die Antwerpener Schnitzaltäre im ehemaligen Dekanat Zülpich, Köln 2000.

[iv] Ders., "Bei Haxthausen viel Bilder-Plunder..." Das Schicksal des städtischen Regierungsrats und Kunstsammlers Werner Moritz von Haxthausen in Köln 1816-26, in: Hiltrud Kier/Frank Günter Zehnder, Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Ausstellungskatalog, Köln 1995, S. 205-214; zur Liste vgl. dies., Lust und Verlust II. Corpus-Band zu den Kölner Gemälde-Sammlungen 1800-1860, Köln 1998, S. 294ff. Es handelt sich um die Objektnummern 3 bis 8 und 108 bis 111.

[v] Ich danke Godehard Hoffmann und Peter van den Brink herzlich für die großzügige Überlassung ihrer entsprechenden Funde.

[vi] Zur Ikonographie siehe ausführlich Schaden 2000 [Anm. 3], S. 171ff.

[vii] Die Tafel wurde am 5.Oktober 2001 einer Autopsie unterzogen. Demnach handelt es sich bei dem Bildträger um gedünnte Eiche, die mit einer geschnittenen Holzplatte hinterlegt ist. Das ungerahmte Format beträgt 107 x 45 cm.

[viii] Kier/Zehnder 1998 [Anm. 4], S. 294, Nr. 7.

[ix] Carola Gries, Zwei Frauen mit Kindern, Antwerpen 1510/1520, in: Kurt Löcher, (Hg.), Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Die Gemälde des 16. Jahrhunderts, ? 1997, S. 560ff.

[x] Godehard Hoffmann, The Workshop of Adrian van Overbeck, in: Carl van de Velde/ Hans Beeckman/Joris van Acker/Frans Verhaeghe (Hrsg.), Constructing Wooden Images, Brussels 2002, S. 231, Abb. 19.

[xi] Schaden 2000 [Anm. 3], S. 175ff.

[xii] Freundliche Emailmitteilung von Peter van den Brink an den Verfasser vom 3. Januar 2007.

[xiii] Hampel. Katalog der großen Dezember Auktion 2005, Nr. 347. Das Altarbild ist dort als „Gotisches Tafelbild: Tempelgang Mariä“ ausgewiesen. Der Zuschlag erfolgte bei 3.400 Euro.

[xiv] Wallraf-Richartz Museum, Inv.-Nr. WRM 468, .

[xv] W. Stechow, in: Art in America, 1942, S. 15.  [kein gutes Argument, wenn gerade in Euskirchen die Hl. Sippe doppelt vorkommt...]

[xvi] Katalog des Museums Wallraf-Richartz in Köln. Verzeichnis der Gemälde-Sammlung. Verzeichnis der römischen Alterthümer, Köln 1862, Nr. 282. Dort wird die Tafel als „Kölnisch unter niederländischem Einfluß“ bezeichnet.

[xvii] Die Größe wird im Versteigerungskatalog Hampel mit 117 x 56 cm angegeben, die Kölner Bestandsakte vermerkt (wahrscheinlich ohne Rahmung) „Eiche 1,06 x 0,43“ Meter. Somit stimmt die Größenangabe mit der Haxthausenliste von 1826 nahezu überein, die als Maßgabe der Euskirchener Tafeln 42 x 17 rheinische Fuß (= ca. 110 x 44 cm) vermerkt. Kier/Zehnder 1998 [Anm. 3], S. 294ff, Nr. 3-8.

[xviii] Zur Rekonstruktion siehe ausführlich Schaden 2000 [Anm. 3], S. 179ff.

[xix] Siehe Hoffmann 1998, [Anm. 2], S. 167ff.

Syndicate content