Olaf Otto Becker. The Broken Line

Wege und Linien

Vergessen wir nicht, dass eine Luftlinie eben nur eine Linie und kein Weg ist und: dass wir, physiognomisch gesehen, Fußgänger und Läufer sind.

Christoph Ransmayr, Die Schrecken des Eises und der Finsternis

 

Tripod, Queqertakavsak, 07/2006, 74˚ 39' 01'' N. 57˚ 14', 15'' W. Ein Bildtitel, eine Justierung. Präzise bestimmt durch das Koordinatensystem der Längen- und Breitengrade und über das Navigationssystem GPS ohne Weiteres lokalisierbar. Dazu eine grobe Monatsangabe, bei der es sich offenkundig um das Datum der Aufnahme handelt. Der Dokumentationsstatus scheint gesichert zu sein, einer Verortung des Bildes nichts mehr im Wege zu stehen.

Auf der gegenüberliegenden Buchseite findet sich die Aufnahme. Die Farbfotografie zeigt eine unwirtliche Küstenszenerie, irgendwo in der Kälte. In Sekundenschnelle erfasst das Auge das kompositorische Gefüge und findet im Aufeinandertreffen der Farben und Elemente Halt. Das Türkis des Gewässers kontrastiert sanft mit dem Weiß vereinzelt umhertreibender Eisschollen. Die linearen Steinstrukturen des Gestades, die im glasklaren Wasser noch erkennbar sind, verlieren sich zunehmend im Nebel des Hintergrunds. Eine Horizontlinie ist nicht zu sehen. Keine Bewegung, nichts. Ein schönes Bild, mag man denken, ein naturschöpfendes, herbes Idyll. Aber wie wäre es, selbst dort zu sein?

Ein genauerer Blick wird vielleicht das Schlauchboot entdecken. Es hat angelegt, ist menschenleer. Auf dem leicht erhöhten Felsvorsprung wurde ein gelber Plastikbeutel abgelegt. Auf Nachfrage ist zu erfahren, dass sich darin ein Satellitentelefon und Leuchtraketen befanden, Rüstzeug für eine Notsituation. Gleich nebenan ist jenes Stativ aufgestellt, von dem im Bildtitel die Rede ist. Tripod, Dreifüßler, nennt man es. Ein biomorphes Metallskelett, das in seiner Kopflosigkeit vom vielleicht gescheiterten Versuch zeugt, vor Ort einen geeigneten fotografischen Standpunkt zu finden. Umkehrschluss. In Sekundenschnelle verwandelt sich das ästhetische Bildgefüge zurück zum Dokument einer Versuchsanordnung. Der Proband ist derjenige, der sieht. Inmitten der menschenfeindlichen Landschaft sucht das betrachtende Auge nach Antworten. Was gilt es hier zu fixieren, fragt es, was will es hier finden, was hat es hier überhaupt zu suchen?

Sekunden, Minuten, Grade

Es fällt schwer, in jenem Blick auf das Stativ nicht den Versuch einer von Skepsis bestimmten künstlerischen Verortung zu erkennen und zugleich auch ein Grundmotiv, das bei der Betrachtung der Bilder in diesem Band virulent bleibt. Wie ein roter Faden spinnt sich in den präzise verzeichneten Grad-, Minuten- und Sekundenangaben der Bildtitel der Versuch einer Verortung in Raum und Zeit durch die Bilderfolge von Broken Line. In der Summe markieren sie eine exakt nachvollziehbare Bewegung nach Norden, die am 74. Breitengrad ihren Abschluss findet. Doch genauso lassen sie die inneren Beweggründe und Motive der unter bisweilen lebensbedrohlichen Bedingungen durchgeführten Sichtung unbeantwortet.

Das Gespräch mit Olaf Otto Becker, der sich in den Sommermonaten der Jahre 2003, 2004 und 2006 in die subarktische Zone der Westküste Grönlands begeben hat, ist geprägt von einem leichten Stocken der Sprache, einem merklichen Zögern gegenüber allzu einfachen Antworten. Befragt nach der Intention seiner Reisen, spricht der Fotograf, der auch Philosophie studiert hat, von der Faszination, die das Licht des Nordens auf ihn ausübt. Von der Potenzierung der Aufmerksamkeit, die eine Realsituation im Eis einfordert. Und von dem Drang, das Gesehene in ein fotografisches Bild zu überführen. Doch sei damit längst nicht alles gesagt, nicht alles erkannt, bekennt er. Man spürt einen bewussten Zweifel, dem man eine Suche nach Orientierung im rein physischen Sinne unterstellen darf. Und hört einer Geschichte zu, die eine eigene Wahrheit bereithält.

Begonnen habe das Unternehmen mit einer simplen Irritation, erzählt Becker. In seiner Heimatstadt München erwarb er im Jahr 2002 eine Grönlandkarte im Maßstab 1:2 500 000, die bis in feinste Verästelungen hinein die Umrisslinien der gigantischen Eisinsel kenntlich machte. Darauf glich Grönland einer Lingua geographica, einer maßlos überdimensionalen Zunge, die vor Urzeiten geweißt worden war. Unschwer blieben an den Rändern die farblich gefassten Ausfransungen als diejenigen schmalen Zonen erkennbar, in denen Zivilisation und Leben überhaupt möglich ist. Erst auf den zweiten Blick fiel dem Fotografen auf, dass auf der Landkarte keine einzige Straße verzeichnet war. Als er erfuhr, dass eine Begehung der Westküste auf dem Landwege tatsächlich undurchführbar ist, verschiffte er ein robustes Schlauchboot nach Grönland und ließ sich vor Ort von einem Inuk einweisen. Von ihm lernte er, dass auf dem Wasser eine gefahrlose Verdrängung des Treibeises nur im Schritttempo möglich ist.

Möglicherweise mag man in dem Entschluss, als Einzelperson eine Erkundung der Küstenregion zu wagen, einen Anachronismus erkennen. Auf den Einwand, dass die Küstenlinie entlang der Baffin Bay bis zur Melville-Bucht bereits vor Jahrzehnten erforscht und exakt kartografiert worden sei, antwortet Olaf Otto Becker mit leisem Widerspruch. Schließlich bedeuten Linien nicht Wege und seien aktuelle Kartenwerke keineswegs identisch mit der subjektiven Erfassung von Wegeläufen, die man sich auf dem Wasser entlang der Eisfjorde und kalbenden Gletscher bahnen müsse. Er erzählt von den Schwierigkeiten in Momenten, in denen die Wasseroberfläche in Minutenschnelle gefriert und eine Umkehr plötzlich unmöglich wird. Von den Phasen der Verwirrung, die einsetzen, wenn die Kompassnadel um bis zu 30 Grad vom erwarteten Wert abweicht, weil das Gestein in der Umgebung extrem eisenhaltig ist. Und vom Verlust der zeitlichen Orientierung, da die Sonne nicht mehr dem gewohnten Rhythmus von Tag und Nacht folgen mag. Es ist wohl jener Grad existenzieller Verunsicherung, der dem Zuhörenden großen Respekt einflößt und zugleich eine Ahnung davon gibt, was es bedeutet, in dieser annähernd menschenlosen Küstenregion allein unterwegs zu sein. Becker berichtet, es seien insgesamt 4 000 Kilometer Wegstrecke gewesen. 4 000 Kilometer, um Bilder zu machen.

Sekunden, Minuten, Stunden

Sich mit Kalkül einer Verunsicherung auszusetzen und sie vor Ort zu bewältigen, kann nicht nur eine Überlebensstrategie, sondern auch eine künstlerische Vorgehensweise sein. Denn mit der radikalen physischen Entschleunigung, die etwa das Sich-Fortbewegen auf dem Wasser einfordert, war dem Fotografen zufolge eine zunehmende Schärfung der Wahrnehmung verbunden, die schließlich auch kleinste Details der Stein- und Wasserstrukturen zu registrieren vermochte. Es ist diese intuitive Aufmerksamkeit, die sich unterschwellig auch bei der Betrachtung der Fotografien in diesem Band einstellt. Die Bilder begegnen ihm, aber er bereite sich auf diese Begegnung vor, sagt Becker sibyllinisch. Hierzu gehört es wohl, auf alles gefasst zu sein. Die Landschaftsbilder in diesem Band sind denn auch Manifestationen einer Überschärfe, wie sie nur eine erhöhte Aufmerksamkeit im Zusammenspiel mit dem fotografischen Großformat erzwingen kann. Dass die Abbildungsschärfe des Details auch beim Betrachten eine Irritation auslöst, verdankt sich dem Moment des Lichts. Fast ausnahmslos handelt es sich bei den Bildern um Aufnahmen, die bei Nacht entstanden sind, irgendwann in den Stunden zwischen 22 Uhr und 6 Uhr Ortszeit. Berechnend, dass der Sonnentiefststand meist gegen 3 Uhr morgens lag, dokumentiert Becker in den diffusen nächtlichen Lichtsituationen die Gletschermassen und umhertreibenden Eisberge in pastellartig anmutenden Farbtönen. Nuancen von Türkis, mintgrün und zartrosa flirren dem Betrachtenden von den Oberflächen entgegen, ein surrealer Effekt am Rande des Kitsches, der dennoch der realen Lichtsituation Tribut zollt. Was bleibt, ist ein leichtes Unbehagen vor der Wirklichkeit. Er thematisiere das Sehen nicht, sagt Becker. Man versteht, dass ihm das Gesehene schon genug ist.

So hat der Mann mit der Kamera in seinen Bildern nichts zu suchen. Es ist vielmehr das Moment einer Abwesenheit, das in den fotografischen Aufnahmen merkwürdig präsent ist. Olaf Otto Becker betont, es sei eine fast absolute Stille, auf die man entlang der mäandernden Wasserwege treffe. Möwengeschrei gebe es in diesen Zonen nicht mehr, nur in der Ferne ab und an das Donnern eines Eisbergs, der auseinanderbricht. Das klänge dann wie Kanonenschüsse. Zu den Erfahrungen auf seiner Reise zählt er auch die Erkenntnis, dass der menschliche Körper als Maßstab in diesen nördlichen Breiten nicht mehr tauge. An der Küste von Talerua etwa ragt das granitsteinere Felsmassiv 1 200 Meter hoch unmittelbar aus dem Meer empor. Und der Blick auf den Eisfjord von Illulisat erfasst eine Eismasse, die sich über eine Strecke von nicht weniger als 60 Kilometern zieht. Wer sich hier verorten will, droht verloren zu gehen.

Das Kompositionsgefüge der Bilder in diesem Band orientiert sich denn auch bewusst an der Tradition der Landschaftsmalerei der Romantik und der niederländischen Kunst des Goldenen Jahrhunderts, um im Verweis auf Caspar David Friedrich und Jacob van Ruisdael die bloße Bewunderung gegenüber einer Naturszenerie zu artikulieren, die sich ohne das Zutun des Menschen von selbst entfaltet. Es sei durchaus eine tradierte Landschaftsauffassung, sagt Olaf Otto Becker, die sich schon in dem griechischen Begriff »automatos« manifestiere. Jenes Bewegungsmoment des „Aus-sich-selbst-heraus“ funktioniere selbst dann noch, wenn der Mensch da sei. Denn schließlich schaffe die Landschaft die Grundlage dafür, was der Mensch wiederum aus der Landschaft mache. Das klingt nach einer These, die die Wahrheit im Bild sucht.

Himmel, Berg, Wald

Oquatsut, Ikerasak, Taqsiussaq und Nussuuaq heißen die spärlich verstreuten Ortschaften und Ansiedlungen entlang des Weges nach Norden, in denen der Fotograf auf jene Einflüsse gestoßen ist, die die bizarre und gewaltige Naturlandschaft auf die Lebensformen der Inuit ausübt. Seine Bilder von vereinzelten Holzbehausungen, die dreistellige Nummern aufweisen und ihre Existenz durch grelle Fassadenfarben trotzig einfordern, belegen tatsächlich den Impuls, dieser übermächtigen Urlandschaft einen Lebensraum für den Menschen abzuringen. Das sei ein Aneignungsmoment, sagt Becker, das sich gerade in den ärmlichen Verhältnissen als Chaos gebärde und in den Sommermonaten draußen nahezu ungehemmt ausbreite. Bilder sind hier Beweismittel. Dinge vermögen hier offenkundig noch, der Existenz Halt zu geben. Kochgeschirr wurde vor die Häuser verfrachtet, blaue Kanister hat man auf Felsvorsprüngen abgelegt und Holzbretter vor die Haustür geschmissen. In Taqsiussaq kann eine Gefrierbox, vorübergehend auf der Holzveranda eines Jägerhauses abgestellt, endlich abtauen. In Nussuuaq ist ein Schlittenhund nach traditioneller Art getötet worden, der Körper hängt schlaff vom Balkon herab, das Maul ist geöffnet. Becker betont, dass das Fell noch abgezogen und für den Schlittenbezug weiterverwendet werde. Schließlich sei alles kostbar. Im Hintergrund des Bildes sind einzelne Strommasten erkennbar. Sie erinnern daran, dass die Tage wieder kürzer werden und sich dann der Kampf ums Überleben erneut verschärft. Was gilt es eigentlich zu fixieren, fragt das Auge immer noch, was will es hier finden, was hat es hier überhaupt zu suchen?

Inuktitut, 07/2005 70˚ 48' 30'' N, 51˚ 37' 00'' W. Das Wohnzimmer eines Inuks in Sãtut. Es sind die beiden einzigen Innenraum–aufnahmen des Buches. Sie dokumentieren die Lebenswelt eines Einheimischen, offenbar handelt es sich abermals um ein Binnenuniversum, in dem Dinge dem Leben Halt zu geben vermögen. Ein Flachbildschirm, ein Kristallleuchter, eine Urkunde des Justizministeriums. Eine Digitaluhr notiert 17.42 Uhr Ortszeit, es ist Tag. An der rechten Seitenwand findet sich eine altarartige Ansammlung von Memorabilien. Sie besteht aus Porzellaneisbären, gelben Plastikrosen und einer gerahmten Malerei, die eine Seelandschaft zeigt. Es ist ein naives Arrangement aus blauem Himmel, schneebedeckten Bergen und einem Tannenwald. Darunter liegt still das Gewässer, es ist nicht zugefroren. Ein kitschiges Bild, mag man denken, einmal mehr ein naturschöpfendes Idyll. Auf Nachfrage erfuhr Olaf Otto Becker, es handele sich um den Königssee.

Christoph Schaden, 2007

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