Martin Blume, Douglas I. Busch. Vestiges

VESTIGES

Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.

Walter Benjamin

 

Seit Anbeginn ist der Blick in die Vergangenheit von dramatischer Ambivalenz geprägt. Als Walter Benjamin 1940 in Anlehnung an ein Bild von Paul Klee die Figur des Angelus Novus beschrieb, nahm er ein doppeltes Bewegungsmoment auf, das heute noch Gültigkeit besitzt. Sein Entwurf sieht vor, daß der Engel der Geschichte vom Sturm des Paradieses rückwärts in die Zukunft geschleudert wird, während die sich vor ihm ausbreitenden Zeugnisse der Vergangenheit zugleich unaufhaltsam in die Ferne rücken. In einer verstörenden Metaphorik verweist Benjamins Engel auf den reflexartigen Zugriff des Menschen, im Steinbruch der kollektiven wie individuellen Erinnerung die Wurzeln seiner Identität zu fassen. Wie vergeblich dieses Unterfangen ist, zeigt die bittere Erkenntnis, daß die Zeit niemand aufzuhalten vermag.

Was bleibt, ist jenes Trümmerfeld der Vergangenheit, in dem es die steinernen Reste  und Überbleibsel des Gewesenen aufzusammeln gilt. Die Moderne hat dem Menschen allerdings ein wertvolles Werkzeug an die Hand gegeben, die ihm auf der Suche nach den Bruchstücken seiner Existenz ein wenig Halt und Trost geben kann. Es handelt sich um die seit Platon bekannte wundersame Zeichnung durch Lichtstrahlen, die eingefangen in einer dunklen Apparatur ein Bild der Welt zu bewahren weiß. Die Magie der Photographie, die einen einzigen Moment der Zeit einzufrieren versteht, mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch ihre Allgegenwärtigkeit vielleicht abhanden gekommen sein. Jedoch kann bei der Betrachtung eines Albums der eigenen Kindheit, wie schon Walter Benjamin erkannte, oder im sorgsamen Studium der künstlerischen Photographie ihre Zeit bannende Kraft noch zutage treten.

Douglas Isaac Busch und Martin Blume sind zwei Großmeister der Photographie, die in der Tradition des großen, stillen Bildes stehen. Ihr Projekt VESTIGES richtet sich auf die steinernen Relikte einer Epoche, für die die Neuzeit den Begriff des Mittelalters geprägt hat. Aus der transatlantischen Künstlerfreundschaft resultiert seit 1998 eine photographische Spurensuche, die einer Vergewisserung der gegenseitigen kulturellen Wurzeln gleichkommt und sich visuell in Bildern von amerikanischen und europäischen Wehrbauten des 9. bis 16. Jahrhunderts manifestiert. Ihre Erkundung der indianischen Wehranlagen der Anasazi-Region im Südwesten der USA und der deutschen Ritterburgen in der Pfalz und im Elsaß folgt einem außergewöhnlich seismografischem Gespür. Offensichtlich ist, dass sie sich weder einem primär archäologischen Interesse verpflichtet, noch als bloße ästhetische Folie dient, die in der Bildtradition der Romantik ein melancholisches Lebensgefühl der Gegenwart nachzeichnet. VESTIGES steht vielmehr programmatisch für den Versuch, im beinahe wörtlichen Sinne dasjenige, was dem Engel der Geschichte zu Füßen geschleudert worden ist, mit der unübertrefflichen Präzision der Großformatphotographie ins visuelle Bewusstsein zurückzuholen.

„Das Großfoto ist eine Verbannung der Zeit, es ist ein Damm gegen die Zeit, gegen die Geschwindigkeit, gegen die Beschleunigung“, sagt Peter Weibel. Er beschreibt im Benjaminschen Sinne ebenfalls eine gegenläufige Bewegung, die in der Anschauung allerdings ein Innehalten bedeutet. Wer sich die Photographien des Photobandes aufmerksam anschaut, wird die subtile Spannung gewahr, mit der eine Annäherung an die Architektur der Ruinen verbunden ist. Die exponierte Verortung der Wehranlagen auf Anhöhen und Bergkuppen etwa, die sie von weither sichtbar macht, wendet sich in hartem Kontrast zur Undurchdringlichkeit des Mauerwerks, die jede Einsicht ins Innere der Anlage verwehrt. In der Transformation des Bildes prallt diese Wehrhaftigkeit auf jenen unnachahmlichen Hyperrealismus der Großformatphotographie, der das Fassungsvermögen des menschlichen Auges bei weitem überragen und die Oberflächen des Steins bis in die letzten Graduationen hypnotisch durchdringen kann. Prägnanterweise sind es die Tore, Schächte, Treppen und sogar Brunnen, die das formenreiche Entree in den Binnenraum bilden, allesamt archetypische Zeichen, Formen und Strukturen, die sich dies- und jenseits des Atlantiks zu spiegeln scheinen. Man mag darüber nachsinnen, ob dasjenige, was die Zeit uns in den gegenübergestellten Bildern von Douglas Busch und Martin Blume noch zu fassen gegeben hat, nicht die Essenz einer universalen Seinsweise vor Augen führt, welche seit Dekaden dem Vergessen anheim gegeben wurde.

Die Bannkraft der Photographie hätte den zurückgeschleuderten Engel vermutlich ein wenig trösten können. Bei Walter Benjamin heißt es, daß er eigentlich auf dem Trümmerfeld hatte verweilen wollen, um die Toten zu wecken und das Zerschlagene zusammenzufügen.Der Engel der Geschichte heißt Erinnerung.

Christoph Schaden, 2005

 

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