Urbane Gewächse

Urbane Gewächse

Positionen zeitgenössischer Pflanzenfotografie

Mit Arbeiten von Claudia Angelmaier, Nina Ebbinghaus, Claudia Fährenkemper, Annabelle Fürstenau, Ralph Samuel Grossmann und Helmut Völter.

24.7.-26.9.2010 Alfred Erhardt Stiftung, Berlin

 

 

die auf dem land an trägen sitzen kleben, sind lächerlich in ihrem pflanzenleben.
Hagedorn

Gewächs, neutrum ...ein Sammelwort, das alles was wächst, in sich vereinigt.
Jacob und Wilhelm Grimm

 

Begriffe expandieren, Städte expandieren, Pflanzen expandieren. Unter dem Titel „Urbane Gewächse“ wendet sich die diesjährige Sommerausstellung der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin einem überraschenden Aspekt der Gegenwartsfotografie zu. Die Gruppenschau vereint sechs zeitgenössische Positionen der Fotografie, die sich dem facettenreichen Thema der Pflanzen in der Großstadt widmen.

In seinem Handbuch der wildwachsenden Großstadtpflanzen, das 2006 erschienen ist, gelang der Leipziger Künstler Helmut Völter zu einer Neubestimmung des Floralen im urbanen Raum. „Die Stadt ist auf den ersten Blick für Pflanzen ein fremder, wenn nicht feindlicher Standort. Wo zwischen der dichten Bebauung offener Boden übrigbleibt, ist dieser untergraben von der unterirdischen Infrastruktur der Stadt, belastet mit Schadstoffen und von Fußgängern und Automobilen betreten und befahren. Ein zweiter Blick, ein aufmerksamer Spaziergang zeigt, dass sich trotz dieser schwierigen Bedingungen eine wildwachsende, eigenständige Flora der Stadt entwickelt hat.“

Dass mit der Wiederaneignung städtischer Restareale tatsächlich der vermeintliche Nischencharakter, denen Pflanzen in der Großstadt attestiert wird, zur Disposition steht, belegen die akribischen fotodokumentarischen Erkundungen von Helmut Völter mit Nachdruck. Seine Recherchearbeiten eröffnen einen schöpferischen Gegenblick und bilden zugleich den Ausgangspunkt der Ausstellung „Urbane Gewächse“, die mitunter auch eine zivilisatorische Perspektive wagt. Nina Ebbinghaus aus Dortmund etwa dokumentiert in zwei sechsteiligen Farbserien Pflanzenarten, die einen deutlichen Migrationhintergrund aufweisen. Es handelt sich bei den portraitierten Neophyten um sog. „Aquatische Migranten“ und „Neubürger“, die über Luft und Wasser auf illegitime Weise nach Deutschland gelangen konnten.Claudia Angelmaier aus Leipzig analysiert in ihren fotografischen Arbeiten dagegen tradierte Vorlagen der Hochkunst, die das kollektive Vorstellungsbild von Pflanzen nachhaltig geprägt haben. Exemplarisch werden „Das große Rasenstück“ und die „Akelei“ von Albrecht Dürer in sorgsam drappierten Buchreproduktionen zu jeweils großformatigen Tableaus zusammengestellt. Nicht ohne Ironie bedienen diese Konstruktionen tradierte Projektionsmechanismen, denen die Pflanze im großstädtischen ‚kulturellen Raum’ bis heute ausgesetzt ist. Einen chirurgischen Blick auf das Florale wirft wiederum Annabelle Fürstenau aus Kiel. Ihre fotografischen Aufnahmen bilden das aufwendige Resultat von Sezierungsprozessen einzelner Blumen- und Pflanzegewächse, deren fragile Glieder nach Größe und Gestalt sorgsam aneinandergereiht wurden. In der Anschauung evozieren ihre Ordnungssysteme eine schmerzende wie ästhetisierende Distanz zu den Objekten. Radikal stellt sich hier die Frage nach dem Identitätsmoment von zeitgenössischen Pflanzenarten.

Im Gegenzug offenbart sich die Werkserie von Claudia Fährenkemper in Form einer medialen Rückvergewisserung. Bei ihren hochformatigen Pflanzen- und Blumenbildern handelt es sich um Fotogramme, die am Fundort der Pflanzenobjekte unmittelbar von Sonnenstrahlen belichtet wurden. Auf dem Bildträger hinterlassen die Motive einen Abdruck in Originalgröße, der in seiner Farbigkeit bizarr gehalten ist. Somit stellt sich der Abdruckcharakter der Fotogramme bewusst zwischen Anachronismus und Modernität. Ein Fanal bilden schließlich die beiden Fotoarbeiten von Ralph Samuel Grossmann aus Berlin. In seinen betont nüchternen Bildern ist das Florale wieder in die Blumenvase zurückgekehrt. Eine künstlerische Domestizierungsmaßnahme, wie es scheint, die im Pflanzenmotiv allenfalls noch einen farbabstrakten Aspekt erkunden will. Urbane Gewächse fungieren hier nicht einmal mehr als Projektionsfläche.

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