Eva Bertram. Vor der Tür

Eine Idee des Wirklichen

Was manche Fotos so unwiderstehlich macht, ist die Idee des Wirklichen.

Cees Nooteboom

 

In seinem Großstadtroman Allerseelen lässt der niederländische Romancier Cees Nooteboom seinen Helden Arthur Daane ziellos durch das winterliche Berlin streifen. Befangen von schmerzreichen Gedanken und Erinnerungen, irrt der ehemals erfolgreiche Dokumentarfilmer durch die schneebedeckte Metropole, um mit der Kamera schließlich jenen flüchtigen Moment des Halbdunkels einzufangen, der Tag und Nacht trennt. Doch es ist weniger der Jagdtrieb, der ihn zur Erfassung dieses wahrhaft poetischen Augenblicks leitet. Vielmehr ist für Arthur Daane die Gültigkeit des gefilmten Bildes an die Bedingung des Zufalls gebunden, an dem Innen- und Außenwelt sich begegnen können. Ein verdichteter Moment bedeutet für ihn immer auch das Resultat einer gelenkten Absichtslosigkeit.

Der konzentrierte Blick auf dasjenige, was einem buchstäblich vor die Füße fällt, vor der eigenen Haustür oder auf einem Streifzug durch die Nachbarschaft begegnet, wird nicht selten gerade deswegen mit einer Bedeutung aufgeladen, weil ihm vordergründig jegliche Intention zu fehlen scheint. Das Zeigen weicht dem Beobachten, dem eine tiefere Wahrheit zufällt. Dieser sonderbaren gedanklichen Konstruktion, die gemeinhin mit einer diffusen Idee des Wirklichen verbunden wird, liegt nicht selten ein tiefes Bedürfnis zugrunde, sich der unmittelbaren Umgebung und somit auch der eigenen Identität zu vergewissern. Wer die Welt erst befragen, um ihre (und zugleich die eigene) Existenz zu beweisen, schaut sich zunächst um, bevor er sie benennen und bedeuten kann. Eine reflexartige Geste desjenigen, der nach Vergewisserung sucht, ist nicht selten der Griff zur Kamera. 

Der große Schlaf

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Eva Bertram wie Nootebooms Romanfigur in Berlin lebt. Der Metropolencharakter bietet ihr nach eigenen Angaben weiterhin eine vertrauliche Anonymität, die sich zugleich jeder emotionalen Verortung verweigert. Wer so spricht, denkt primär biografisch, empfindet ebenfalls großstädtische Melancholie. Die Koordinaten ihres Lebens verwehren sich jedenfalls einem ungebrochenen Heimatgedanken. 1964 in Freiburg geboren, lebte Eva Bertram zunächst in dem für Münchener Verhältnisse schmucklosen Wohnviertel Untergiesing, ehe sie nach dem Abitur in die isolierte Westhälfte Berlins zog, in deren zwiespältiger Insellage sie sich gespiegelt sieht. Heute lebt die Fotografin mit ihrer Tochter im Ostteil der Großstadt, der ihr nach der Wende vertrauter geworden ist. Ein Lebensweg, der künstlerische Spuren hinterlassen hat. Fotografieren sei für sie wie das Lachen schließlich auch eine Form der Selbstverteidigung. Sie konzentriere sich auf das fortwährende Verschwinden und die allgegenwärtige Prozesshaftigkeit, der alles unterliege, und wehre sich so gegen den rationellen Fortschrittsglauben. Es fällt schwer, in dem offensiven Verweigerungsgedanken nicht ebenfalls einen melancholischen Grundton zu erkennen. Als künstlerisches Leitprinzip hat ihn Eva Bertram schon zu Beginn ihrer fotografischen und filmischen Arbeit zu nutzen gewusst.

In Berlin machte sie sich 1994 auf die Suche nach jenen verdichteten Augenblicken, in denen die Idee des Wirklichen angesichts von Tagträumen zu verschwinden droht. Es ist jener von Müdigkeit geprägte Zustand der Halbbewusstheit, in der sich der Blick stärker und stärker nach innen richtet. Der große Schlaf nannte sie in Anspielung auf den gleichnamigen Film Noir ihre Serie von Farbaufnahmen erschöpfter U-Bahnpassanten, die in den schleusenartigen Unorten der Metrobahnen intimste Empfindungen und Gedanken offenbaren. Ein sensibles Nachfassen nach dem Menschlichen, abermals gelenkt von Absichtslosigkeit. Die Verdichtung des zufällig Vorgefundenen ist hierbei von formaler Präzision gezeichnet, bewusst gebraucht sie eine Agentenkamera. Der Blick auf das Gegenüber folgt durchweg einer leichten Untersicht, immer auf dem schmalen Grat zwischen Nähe und Distanz. Sequenzartig legt die Bilderfolge zudem ihren dezidiert filmischen Charakter frei, der dem Betrachter genügend Raum lässt für Projektionen. „Ihre Fotoarbeiten lassen sich als Standbilder, eher noch als Set-Fotografien begreifen, denn sie denkt und arbeitet nach den Kriterien des filmischen Handwerks“, beschrieb Inka Schube treffend die Bildstrategien Bertrams. Die wichtigsten Bilder sind unweigerlich zwischen den Bildern auf der Festplatte des menschlichen Hirns platziert, alles ist Konstruktion. Dem Bekenntnis der Fotografin zufolge fehle der Fotografie sowieso jede Beweiskraft. Alles bleibe letztlich im Spekulativen verhaftet und somit fremd.

Auch die 2001 entstandenen Projekte Tag ein Tag aus und Jahr ein Jahr aus handeln vom Fremdsein im Vertrauten. Wie viele ihrer Generation folgt Eva Bertram einem Rückzug ins Private und ins Alltägliche. Die vergewissernde Befragung der unmittelbaren Umgebung legt eine Lebenswelt frei, die von Deplatzierungen, Brüchen und Widersprüchen geprägt ist. Ein Raubtierfell, als Sitzüberzug eines Fahrersitzes dienend, kaschiert notdürftig Triebreste des Animalischen, ein Hirsch existiert lediglich noch in Form eines Denkmals. Eva Bertram konzentriert sich auf das leicht Verschobene im Gewöhnlichen, auf das unter ökonomischen oder zweckrationalen Gesichtspunkten Ausrangierte; sie selbst begreift es als permanente Manifestation des kleinen Scheiterns. Ihre Fotografien sind denn auch melancholische Dokumente eines künstlerischen Bemühens, das wahre Leben im falschen zu finden. Im flankierenden Katalog ist das bekenntnisartige Leitprinzip niedergeschrieben: „Tag ein Tag aus wird es anders sein als es gewesen ist und daran wird sich nichts ändern“.

Vor der Tür

Im mittelstädtischen Ravensburg hat Eva Bertram nun unter anderem die Tücke des Heimatbegriffs und damit abermals das Scheitern aufgegriffen. Vor der Tür nennt sie doppeldeutig das jüngste Projekt, wobei ungewiss bleibt, ob jemand (der Betrachter?) nicht hinein oder nicht hinaus gelangen soll. Die Frage, die im Titel mitschwingt, setzt gleichwohl eine nach außen oder innen gerichtete Behausung voraus, die es zu betreten bzw. hinter sich zu lassen gilt. Der Schwellencharakter setzt sich auch im englischen Titel fort, der im Zusammenklang eine Bewegung von außen nach innen beschreibt (Non-local ist gleichbedeutend mit ortsfremd). Programmatisch ist im Projektname gleichsam eine größere Distanz eingeschrieben, die Parameter einer Feldstudie sind umrissen.

Tatsächlich vollstreckt sich die Bewegung der Bilderfolge zunächst von der Peripherie ins Zentrum. Alles ist sichtbar, alles scheint einfach, alles benennbar: Ein Acker, eine Wiese, zwei Bäume, ein Straße. Der Gang in die Stadt gleicht einer vertrauten alltäglichen Erfahrung, die domestizierte Natur weicht zunehmend den zeitgemäßen Versatzstücken der Zivilisation. Der pastellfarbene Weg ins städtische Idyll erweist sich indes als doppelbödig. Pflanzen sind bis zur Unkenntlichkeit eingepackt, edel lackierte Autos mit Zeitungspapier verklebt und Häuser – tradierte Metapher des menschlichen Seins – zu trostlosen Festungen degeneriert, an denen der Blick haften bleibt. Kompositorisch wie motivisch sind Bertrams Fotografien oftmals geschichtet, komponiert, verbergen mehr anstatt zu offenbaren, anstelle von Kommunikation herrscht Isolation. Vorherrschend sind Betonmauern, Gartenzäune und Garagentüren, die barrikadenartig den Blick ins Weite verstellen. In ihrer Summe bilden Bertrams Arbeiten das gespenstische Dokument einer von Hermetik durchtränkten Lebenswelt, in der scheinbar alle Wunden rigoros nach innen verbannt worden sind. Visuelle Schranken werden zu Sinnbildern eines kollektiven Schutzbedürfnisses, hinter dem die bloße Angst vor Auflösung steht. Spießbürgerliche Begradigungssehnsüchte enden allzu oft im Detail in tragikomischen Verrückungen, die den utopischen Hang zu Perfektionismus und Unverwundbarkeit ad absurdum führen. Kanten einer Tischtennisplatte sind aufgebrochen, ein weißes Ross hat Pferdeäpfel hinterlassen, Zeitungspapier ist auf die frisch gefegte Straße geflattert. Merkwürdig genug, offenbaren gerade diese von Dekonstruktion gezeichneten Momente wahrhaft poetische Qualitäten. Die Welt, soeben aus den Fugen geraten, ist vielleicht gerade deswegen schön.

Was bleibt, ist ein Haus, in Umrissen mit Kreide von Kinderhand auf den Asphalt gezeichnet. Der Blick ist abermals nach unten gerichtet, ein Horizont nicht fassbar. Handelt es sich um ein entropisches Fanal oder um den Hoffnungsschimmer eines Neubeginns? In ihrer Feldstudie Vor der Tür – die als Psychogramm gescheiterter Sehnsüchte interpretierbar ist –, deckt Eva Bertram jedenfalls eine Unerträglichkeit auf, die doppelt schmerzt. Denn sie ist nicht das Resultat eines wohl kalkulierten Schocks, sondern einer Idee des Wirklichen.

Christoph Schaden, 2003

Eva Bertram

Text erschienen in:

 

Eva Bertram. Vor der Tür/Non Local

hrsg. v. Claudio Hils u. Thomas Knubben

Ausstellungskatalog Städtische Galerie Ravensburg

Ravensburg 2003, S. 72-75

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