Via Regia

 VIA REGIA

 

5.8.-5.9.2004    Görlitz – Aachen (GER)

1.080 Kilometer

 

 

 

 

FALLSUCHT, FEINDE, UNWETTER

Auf alten und neuen Pilgerpfaden von Görlitz nach Köln

Das Heilige Köln sei ein durchaus lohnenswertes Pilgerziel, befand Bernhard Gui, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts für die Anwendung der Inquisition in Südfrankreich verantwortlich war. Reuigen Ketzern empfahl der Dominikaner in seinem Handbuch eine Bußwallfahrt zur „Sancta Colonia“, jener prosperierenden Stadt, die im Zuge des Mailänder Reliquienraubs seit dem 23. Juli 1164 voller Stolz mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige aufwarten konnte. Neben Rom, Santiago de Compostela und dem angelsächsischen Bischofssitz von Canterbury, in dessen Kathedrale die wertvollen Reliquien des Märtyrerheiligen Thomas Becket aufbewahrt würden, zähle die rheinische Metropole nach Überzeugung des umstrittenen Klerikers nun endgültig zu den peregrinationes maiores der Christenheit.

Die weitgehend vergessene Bedeutung Kölns als einem der vier wichtigsten Wallfahrtsorte des Spätmittelalters mag in diesen Tagen, in denen die Stadt vor den Augen der Weltöffentlichkeit eine Renaissance als Pilgerstätte erfährt, wohl am ehesten derjenige verinnerlichen, der nach einer langen Fußreise vor den strahlenden Goldschrein der drei biblischen Magier tritt. Als weitgereiste Patrone sind sie seit jeher prädestiniert gewesen für eine Lebensweise, die vom Unterwegssein bestimmt ist. Durch ihre apotropäische Wirkkraft schützen Kaspar, Melchior und Balthasar schließlich jeden Reisenden vor so unterschiedlichen Gefahren wie Fallsucht, hinterhältigen Feinden und drohendem Unwetter.

Auch im 21. Jahrhundert kann der Kölner Dom als ein lohnenswertes Ziel für Fußpilger gelten. Er bildet den finalen Höhepunkt einer gut vierwöchigen Ostwestbegehung, die auf alten und neuen Pilgerpfaden über 800 Kilometer quer durch Deutschland führt und ihren Anfang in Görlitz nimmt. Der Sprung ans andere Ende der Republik mutet in seinen religiösen Verflechtungen durchaus sinnfällig an. Einem Antipoden vergleichbar birgt die Grenzstadt an der Neiße nämlich einen Kalvarienberg, der auf die ursprünglichste aller christlichen Pilgerstätten verweist und wohl nur wegen der verheerenden Auswirkungen der Kreuzzüge bei Bernhard Gui unerwähnt geblieben ist. Sicher hätte dem Inquisitor die Entstehungsgeschichte des Görlitzer Jerusalem gefallen, denn die Errichtung war tatsächlich das Resultat einer Bußwallfahrt. Im Jahre 1464 wurde Georg Emmerich, einem Patrizier der Stadt, eine Sühnereise ins Heilige Land auferlegt, weil er beschuldigt wurde, sich an einer Frau vergangen zu haben. Der Skandal mündete überraschenderweise in einer vollständigen Begnadigung des Beschuldigten, nachdem dieser quicklebendig und als Ritter des Heiligen Grabes ausgezeichnet in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. In seinem Gepäck trug Emmerich wahrscheinlich detailgenaue Pläne der Jerusalemer Golgathastätte, auf deren Grundlage zwischen 1481 und 1504 der erste sakrale Landschaftspark Europas angelegt wurde. Die kunsthistorisch bedeutsame Heilig-Grab-Anlage, die durch das Engagement der Evangelischen Kulturstiftung Görlitz wieder zugänglich ist, findet ihren kultischen Zenit in der Grabeskapelle, die den Bauzustand des Jerusalemer Vorbildes zwischen 1099 und 1555 wiedergibt und somit heute authentischer als das Original ausfällt. Wer sich durch einen niedrigen Durchlass ins Grab Christi begibt, mag überrascht sein von der fast minimalistisch wirkenden Schlichtheit des weißgetünchten kleinen Raumes, der den christlichen Glaubenssatz vom leeren Grab als radikale Leerstelle definiert. Zahlreiche Einritzungen an der steineren Ostfassade des Nachbaus bezeugen, daß diese extrem zurückgenommene Form sakraler Inszenierung seit Jahrhunderten Pilger nach Görlitz gelockt hat.

Seit 2003 dient die Görlitzer Via Dolorosa, die von der Krypta der Peterskirche hinauf zur Grabeskapelle führt, auch als Ausgangspunkt des ökumenischen Pilgerweges. Unweit des Eckhauses am Nikolaigraben, einer Kreuzwegstation, an der vom „Jesus Bäcker“ der Stadt Brote und Backwaren angeboten werden, findet sich das erste Wegzeichen. In Anlehnung an die Jakobswege nach Santiago de Compostela zeigt es jene sattsam bekannte Muschel, die von nun an den Weg nach Westen weist. Die Wiederbelebung des Pilgerpfads, der sich nicht nur logistisch an die starkfrequentierten Caminos von Nordspanien anlehnt, verdankt sich einer Initiative der Religionspädagogin Esther Zeiher, die in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistoriker Christoph Kühn und anderen den 440 Kilometer langen Pilgerparcours zur thüringischen Grenzstadt Vacha ausgearbeitet und beschildert hat. In seinem Verlauf orientiert sich der Pilgerweg an der Via Regia, einst eine bedeutende Magistrale Europas, die für Jahrhunderte die Ostmetropolen Kiew und Krakau mit den Handelsstädten Mittel- und Westdeutschlands verband. Nach Westen führte der Königsweg über die Messestädte Leipzig und Frankfurt weiter nach Paris. Für Pilger ging es von dort aus südlich zu dem galizischen Wallfahrtsort, der mit dem Schrein des Heiligen Jakobus Seelenheil versprach.

„No man has ever reached Santiago by sitting in a bar“, heißt es unter Pilgern. Es ist Hochsommer und mein Wanderfreund Johannes zitiert schmunzelnd die geläufige Weisheit, als sich der Glücksmoment des Aufbruchs auch bei uns einstellt. Schon in den ersten Tagen wird deutlich, daß eine Durchquerung des Landes mit eigenen Füßen einer einzigen Lehrstunde gleicht, bei der sich die Matrizen der religiösen und nationalen Wurzeln allzuoft überlagern. In der Simultankirche St. Petri in Bautzen etwa ist der Grad der Glaubensspaltung an der Höhe des zentralen Absperrgitters ablesbar. Bis in die 1950er Jahre maß vier, heute nur noch einen einzigen Meter. Eine Handreichung in Zeiten der Ökumene über die getrennten Kirchenhälften hinweg, in denen Katholiken und Protestanten ihre Gottesdienste jeweils getrennt abhalten, ist hier möglich. Überhaupt begegnet uns eine Vielzahl unterschiedlichster christlicher Chiffren am Wegesrand. Auf den Weizenfeldern der Ortschaft Buchholz etwa konkurrieren monumentale Holzkruzifixe, die in den 90er Jahren als Zeichen des Widerstands gegen eine radioaktive Abraumhalde mit Erfolg errichtet wurden, heute mit Windrädern. In den sorbischen Dörfern der Lausitz säumen gußeiserne schwarze Metallkreuze gleich dutzendweise die Vorgärten. Und von einer Denkmalanlage, die feierlich zur zweiten Jahrtausendwende eingeweiht wurde, blicken überlebensgroß und in Kupfer gegossen die beiden Brüder Cyrill und Methodius, die im 9. Jahrhundert vom Großmährischen Reich kommend hier die christliche Lehre verkündeten, emphatisch auf die Niederungen ihres Missionsgebietes herab. Was für ein gläubiges Land, mag man meinen. Abends, in den improvisierten Herbergen der Pfarreien, ist hingegen mehr vom Nischendasein der Religion die Rede. Von den verdeckten Kommunikationswegen zwischen den Kirchengemeinden und den Stasibespitzelungen zu DDR-Zeiten, all den Umstellungsschwierigkeiten nach der Wende, von Hartz IV, den Ängsten, den Hoffnungen. Eine Pfarrerin weist uns darauf hin, daß nur eine von zehn Seelen im Osten getauft sei. Trotz der Konkurrenzsituation schweiße das die beiden Kirchen hier zusammen.

Die Unwägbarkeiten des täglichen Gehens lassen auch die wenigen Pilger unweigerlich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenwachsen. Maria, eine Mitpilgerin aus Würzburg, fällt vor unseren Augen hin, gottseidank sind es nur Prellungen. Wie gut, dass man unter dem ausdrücklichen Protektorat der Heiligen Drei Könige steht, von nun an sind auch wir zu dritt unterwegs. In Kamenz, der Geburtsstadt von Lessing, ist die Fürsorgefunktion der Heiligen noch an den spätgotischen Schnitzaltären ablesbar, die in der Franziskanerkirche St. Annen und der Stadtkirche St. Marien ganze Altarräume bevölkern. Eine Einladung des Geistlichen vor Ort, der freundlich Unterkunft gewährt, führt ins Pfarrhaus. Durch das Küchenfenster ist zwischen idyllischen Gartenanlagen in der Ferne ein Schornstein erkennbar. Er gehöre zu einer verfallenen Außenstelle des Konzentrationslagers Groß-Rosen im benachbarten Herrenthal, erfahren wir auf Nachfrage. Dessen Geschichte werde erst seit kurzem aufgearbeitet.

Gehen heißt bekanntlich auch Sehen, und so passieren wir in jenen Tagen fast menschenleer anmutende Dörfer, in denen Kindergärten und Schulen gerade geschlossen wurden, aber auch Kleinstädte mit beeindruckend alter Bausubstanz, die von der regia strata über Jahrhunderte hinweg profitiert haben und nun wieder in erhabener Schönheit dastehen. Königsbrück, Großenhain, Strehla, Wurzen. Wohl nirgendwo lassen sich die baulichen Errungenschaften der Einheit intensiver studieren als hier im Vorbeigehen. „Durch Leipzig muss man durch“, heißt hingegen ein heute noch gültiger Spruch für die Durchquerung der sächsischen Großstadt, die wegen des Autoverkehrs eine mentale wie physische Belastungsprobe darstellt. Um von der östlichen zur westlichen Peripherie zu gelangen, ist ein ganzer Tag vonnöten. Wie ein Zeigefinger deutet die berühmte Palmensäule neben der Nikolaikirche auf das energetische Kraftzentrum der Innenstadt. Es findet sich ein paar Meter weiter auf einem in den Boden eingelassenen Messingschild, das auf den 9. Oktober 1989 verweist. Die darauf eingedrückten Schuhsohlen fordern reflexartig unsere Solidarität mit dem Fußvolk ein, das hier die friedliche Revolution erzwang. Eine innere Verpflichtung führt uns hiernach in die Thomaskirche, um dem vielleicht größten Heiligen des Protestantismus vor seiner Grablege die Ehre zu erweisen. Von dem Kirchenführer persönlich erfahren wir die kuriose Geschichte der Reliquienübertragung, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte. „Tag, hier kommt Bach!“ soll angeblich der beauftragte Kurier, die Urne des Komponisten in den Händen haltend, bei seiner Ankunft spontan ausgerufen haben. Einer anderen Version zufolge hat sich sein Kommentar auf ein lakonisches „Hier isser“ beschränkt.

Entlang des Flüßchens Luppe führt die Strecke aus Leipzig und Sachsen hinaus über einen der landschaftlich schönsten Wegabschnitte. Das Tagesziel heißt Merseburg; dort erhält jeder Fußpilger das Privileg, auf der Empore der Neumarktkirche zu übernachten, der Schlüssel ist in der benachbarten Bäckerei erhältlich. Durch die Doppelfunktion als Sakralraum und Herberge wird die Instandhaltung des romanischen Kirchenbaus gewährleistet. Im Innern stoßen wir auf eine fünfköpfige Gruppe Jugendlicher aus Leipzig, die erst einen Tag unterwegs ist. Am Abend ruht das entstandene Pilgerkollektiv auf Isomatten und debattiert belustigt über die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Behandlung von Fußblasen. Im Dom auf der gegenüberliegenden Seite der Saale wetterte Martin Luther, der bekanntlich kein gutes Haar an der Pilgerei ließ, noch ein Jahr vor seinem Tod gegen deren vermeintliche Spätfolgen: „Was hat man nu damit ausgericht, wenn man wieder heim komen, dann eine lere tasche und müde bein.“ Angesichts solch düsterer Prognosen verwundert es uns nicht, daß einem Straßenschild zufolge die „Hölle“ überquert werden muß, um überhaupt zum Ortsausgang zu gelangen. Die nächste Tagesreise mutet jedoch eher paradiesisch an, mal durch hohes Schilfgras, mal über windige Höhenzüge schlängelt sich der Pilgerweg nun weiter südlich Richtung Naumburg, um den Blick in alle Himmelsrichtungen zu öffnen. Wir genießen das freie weite Land, das Deutschland heißt.

Das Gefühl ist nur von kurzer Dauer. Mit unfreiwilligem Zynismus weist zwei Tage später ein Holzschild in Ettersburg mit der Aufschrift „Buchenwald ─ Waidmanns Heil“ den Weg hinauf zur Anhöhe. Erst im Hinaufschreiten öffnet sich der Blick allmählich für das simple Faktum, daß Buchenwälder tatsächlich das Waldareal säumen. Nummerierte Stahlstelen tauchen inmitten der Baumreihen auf, es sind insgesamt 7.000 an der Zahl, die an die Toten des sowjetischen Lagerregimes nach 1945 erinnern sollen. Schnaufend an den Elektrozäunen angelangt, wird uns erst mit Zeitverzögerung das perfide Inszenierungsgebahren des NS-Staates bewußt, das Lager ausgerechnet auf einem Hochplateau zu plazieren. Die bedrückend physische Annäherung an diesen erkenntnisreichen Unort steckt noch in den Knochen, als wir abends Erfurt erreichen.

Erfurt, Gotha, Eisenach. Wie Perlen einer Kette reihen sich die thüringischen Kulturstädte hintereinander. Erst im Gehen wird offenbar, daß ihre Verortung aus den regelmäßigen Abständen der einzelnen Tagesetappen resultiert, die die Königsstraße vorsah. Der Fußreisende war tatsächlich einmal das Maß aller Dinge. Vis-a-vis der Drei Gleichen geht es weiter westlich nach Eisenach, wo quirlige Diakonissinnen uns Gastfreundschaft erweisen. Zu einem Schockerlebnis gerät ein abendlicher Rundgang durch die Innenstadt, als uns auf dem Markt Neonazis begegnen, die gerade öffentlich den Geburtstag von Rudolf Hess zelebrieren. Vereinzelte Gegendemonstranten haben sich hilflos am anderen Ende des Platzes hinter den Observierenden des Verfassungsschutzes verschanzt. Das Szenario mutet an wie eine weitere Lektion deutscher Gegenwartskunde.

Unser steiles Entree in den Thüringer Wald verläuft zunächst entlang der Wartburg, die Tageswanderung entwickelt sich zunehmend zu einer Königsetappe. In wenigen Kilometern wird der Rennsteig passiert, der wegen des schlechten Wetters überraschenderweise nicht überlaufen ist. Obwohl die Orientierung in den schattigen Nadelwäldern nicht leicht fällt, da die Markierung fehlt, erreichen wir schließlich über die Werrabrücke die Ortschaft Vacha, die den Endpunkt des ökumenischen Pilgerweges markiert. In dem ehemals eingekeilten Grenzort fängt uns eine Dame auf der Straße ab und lädt zur Übernachtung in ihr Wohnhaus ein. Es sei das vorletzte Haus der DDR gewesen, vom Badezimmer aus hätte man vor nicht mal zwanzig Jahren einen Blick in den goldenen Westen werfen können, erzählt sie. Bei Rotkäppchensekt nehmen wir an diesem Abend wehmütig Abschied von unserer fränkischen Mitpilgerin.

Ausgestattet mit einem Wegeplan vom ortsansässigen Buchhändler heißt es am nächsten Morgen, den Weg über die Rhön nach Fulda zu finden. Während des zweitägigen Intermezzos überqueren wir an der Gedenkstätte Point Alpha den ehemals Eisernen Vorhang; Sperranlagen aus unterschiedlichen Phasen des Kalten Krieges sind hier erhalten geblieben. Merkwürdig sensibilisiert für die Freiheit des Gehens bewegt uns daraufhin die Weite der Rhönlandschaft mit ihren spektakulären Panoramen entlang der rauen waldlosen Höhenkuppen. Unser Blick auf die Niederungen von Hünfeld bleibt an einer Großbaustelle haften, dort scheint man in die Zukunft zu investieren. „Hier wird mit modernsten Mitteln eine Justizvollzugsanstalt gebaut“, klärt uns wenige Kilometer weiter ein Wanderer auf, der mit seinem Schäferhund unterwegs ist. Es handele sich um ein in Deutschland bisher einmaliges Modellprojekt, das in privater Trägerschaft realisiert werde.

Einem Déjà-vu-Erlebnis kommt unsere Ankunft in Fulda gleich. Mit seiner barocken Fassade mutet des Bonifatiusdom unweigerlich wie eine kleinere Schwester der Jakobuskathedrale im fernen Galizien an. In der Gruft treten wir vor die Grabesstätte des hl. Bonifatius, jenes hochverehrten angelsächsischen Missionars aus dem 8. Jahrhundert, der in der Folgezeit mit dem simplifizierenden Prädikat „Apostel der Deutschen“ ausgezeichnet worden ist. Warmherzig heißt es hier von meinem Wanderfreund Johannes Abschied zu nehmen. Seit letztem Jahr ist die Fuldaer Grabkammer Endpunkt der in Mainz beginnenden Bonifatius-Route. Sie rekonstruiert den über 180 Kilometer langen Wegverlauf des berühmten Leichenzugs jenes Heiligen im Jahr 754. In umgekehrter Gehrichtung bietet die Route eine reizvolle Option, auf Pilgerpfaden weiter nach Westen zu gelangen. Von nun an ist das Gehen geprägt vom Alleinsein, das in den ersten Stunden eine erhöhte Aufmerksamkeit erzwingt, aber in den weitläufigen Wäldern und Wiesen des Fuldaer Landes allmählich in tranceartige Zustände hinübergleitet. Das plötzliche Erwachen kommt erst mit der abendlichen Ankunft in Blankenau, einem Dorf im Tal der Schwarza, in dem kroatische Franziskaner eine Klosteranlage wiederbelebt haben, die im 13. Jahrhundert von Zisterziensermönchen errichtet wurde. Auf die Frage, ob es in der Propstei vielleicht eine Möglichkeit zur Übernachtung gebe, reagiert ein Pater des Klosters mit unterkühlter Professionalität. Anstatt Einlaß zu gewähren oder mich wegzuschicken, spendiert er wortkarg eine Übernachtung in einer Pension des Ortes. Noch Tage später, als die bewaldeten Vogelsberger Höhen längst bestiegen sind, läßt mir die distanzierte, wenngleich konkrete Geste christlicher Barmherzigkeit keine Ruhe. Umso mehr, da mir vereinzelt Pilger entgegenkommen, ein jeder lamentierend, daß auf der Bonifatius-Route kein Herbergsnetz installiert worden sei. Es fehle jener beseelte Kern eines Pilgerweges, in dem die Fußreisenden die alltägliche Linderung ihrer elementarsten Bedürfnisse ersehnen. Eine Schlafgelegenheit, ein mildes Wort, eine Dusche vielleicht.

Meine tägliche Wanderschaft führt dessen ungeachtet zu erstaunlichen Metamorphosen. Erst jetzt, drei Wochen nach meinem Aufbruch, stellt sich jene innere wie äußere Balance des Gehens ein, die wohl zu den beglückendsten Erfahrungen einer längeren Pilgerreise gehört. Eine gesteigerte Selbstaufmerksamkeit registriert, daß die Physis ihre Malessen endlich überwunden und den Stoffwechsel auf die vorsorgliche Verbrennung jeglicher Energie umgestellt hat. Auch die Wahrnehmung ist jetzt radikal entschleunigt und somit offen für jene temporäre Seinsweise, die täglich 30.000 bis 40.000 Schritte abverlangt. Der homo viator spürt unweigerlich an sich selbst, daß trotz aller zivilisatorischen Errungenschaften das Gehen die wesensgemäße Form menschlicher Fortbewegung geblieben ist. Leise entsteht eine Euphorie, die sich unmittelbar auf die Gehgeschwindigkeit niederschlägt, zumal der Weg allmählich zu den Niederungen der Wetterau hinabführt. Die Kornkammer Hessens liegt Mitte August unte voller Hitze; rund drei Tage dauert es, bis die Skyline von Frankfurt endlich umrundet ist. Der Lärmpegel der Autobahnen, Schnellzugtrassen und Flugrouten steigt beinahe ins Unerträgliche. Vermutlich zählt auch das zu den Ingredienzien einer Bußwallfahrt im 21. Jahrhundert.

Mit der Ankunft in Mainz macht sich bereits ein triumphierendes Gefühl des Heimkommens breit. Majestätisch liegt der Rhein zu Füßen der romanischen Bischofskirche, die eine Stadt- und Herrschaftssilhouette dominiert, wie Canaletto sie gemalt haben könnte. Wer konnte, nutzte auch als Pilger den großen Strom. Mit dem Schiff frequentierte etwa die kölnische Heilige Ursula auf ihren Rompilgerfahrten des öfteren den Rheinlauf, und auch der isländische Abt Nikulas von Munkathvera notierte im Jahr 1154 in sein Tagebuch, man solle von Utrecht aus den Rheinweg nach Basel einschlagen, um zur ewigen Stadt zu gelangen. Hieraus entwickelte sich eine östliche Variante zur Via Francigena, jenem Frankenweg, der von Canterbury nach Rom führt und dieser Tage ebenfalls eine Wiederentdeckung durch Fußpilger erfährt.

Die Entscheidung, auch das Schlußviertel rheinabwärts zu Fuß zu bestreiten, fällt angesichts der zahlreich überholenden KD-Personenschiffe nicht leicht. Rechtsrheinisch geht es an Chemiewerken und Fabrikanlagen vorbei stadtauswärts, bei harschem Gegenwind erscheinen erst nach Stunden die Preziosen des Rheingaus, das Biebricher Schloss, das Städtchen Eltville und schließlich das berühmte Rüdesheim, in dessen Souvenirbuden an der Uferpromenade überraschenderweise keine Devotionalien der Hildegard von Bingen bereitgehalten werden. Ob die Mystikerin und Modeheilige für Kitsch derzeit zu hoch im Kurs steht? Ein letzter Tagesgang führt hinauf zur Jugendherberge und zum Aussichtsplateau des Niederwalddenkmals. Ein Australier, der mich vor der riesigen Germania fotografieren will, läßt seiner Emphase freien Lauf. „Germany is so beautiful!“ ruft er laut, als ob er mich überzeugen müsse. Mal über die Weinhänge, zumeist aber am Flußufer entlang geht es in den folgenden Tagen nur mühsam voran. Ein Gefühl von Rheinromantik will sich nicht einstellen, vielmehr richtet sich das Augenmerk immer mehr auf die dichten Verkehrsschneisen, die sich in unterschiedlicher Breite ins Rheintal eingraviert haben. Neben Schnellstraßen säumen Bahntrassen beide Uferseiten des Flusses, für den Fußgänger bleibt allenfalls ein schmaler Steg zuseiten der überholenden Fahrradkarawanen. Ein Trost, daß sich die Situation der Fußreisenden mit der Eröffnung des Rheinsteigs in naher Zukunft hier ändern wird.

Zwei Tagesreisen später, nachdem die Rheinschleifen der Loreley längst passiert sind, gilt es an der Moselmündung in Koblenz eine längere Verschnaufpause einzulegen. Vor dem Deutschen Eck mustert mich ein älterer Herr aus einem Auto heraus mit der fragenden Bemerkung, ob ich denn arbeitslos sei. Er meine das keineswegs abfällig, ergänzt er in einem Atemzug, ohne auf eine Antwort zu warten. Schließlich habe man ja dann Zeit für die gewichtigen Dinge des Lebens, und dazu gehöre schließlich das Wandern. Mit dieser wenig überraschenden Erkenntnis geht es weiter nach Norden. Stakkatohaft beschleunigen am Flußufer die Schilder der dreistelligen Rheinkilometer den „Home Run“. Es geht nach Andernach und Remagen und schließlich mit der Fähre nach Bad Honnef. Das Siebengebirge gewährt noch einen letzten Aufstieg zur Grenzfeste Löwenburg, deren Ruine seit altersher der gegenüberliegenden kurkölnischen Burganlage des Drachenfels trotzt. Hier öffnet sich der Blick endlich auf die niederrheinische Tiefebene, an deren Horizont die Domtürme auszumachen sind. Es wird nur noch eine Tagesreise dauern, sagt das Herz, und pocht vor Glück.

Christoph Schaden, 2004

 

Der Text wurde unter dem Titel „Woher nehmen Sie Zeit, sind Sie arbeitslos? Auf Pilgerpfaden zu Fuß von Görlitz nach Köln“ abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 11.08.2005, S. R 3

 

 

 

 

 

 

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